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Der nigerianische Schriftsteller Chinua Achebe dankt

und bezeichnet die Mündlichkeit und Lebensweisheit der einfachen Menschen in Afrika als seine wichtigste Inspirationsquelle

"Das Afrika, über das ich schreibe, wird nicht von Menschen bewohnt, denen es an der Gabe zu sprechen gebricht. Als ich heranwuchs, vernahm ich in meiner Dorfgemeinschaft mitunter wundervolle, kunstvoll ausgestaltete, immer aber effektive Worte. Ich hörte keineswegs das Grunzen und Kreischen, welche die Wilden angeblich anstelle von Sprache verwendeten. Also schrieb ich auf, was ich zu hören bekam, und das in einer Übersetzung, die den beiden Sprachen, die ich die meinen nenne, in gleichem Maße Respekt zollte", sagte Achebe in der Paulskirche. An Beispielen illustrierte der Schriftsteller, wie er das meinte. So verrieten Sprichwörter und Gesänge in Nigeria viel darüber, wie die Menschen gelernt haben, mit Leiden und dem Verlust von Menschen umzugehen und dennoch weiterleben zu können.

Die Fehler der Europäer wiedergutmachen

Achebe setzte sein Vorgehen in Kontrast zu europäischen und amerikanischen Schriftsteller wie Joseph Conrad und Ernest Hemingway. Sie hätten Schwarze in ihren Büchern nur als wilde, kaum der Sprache mächtige Randfiguren auftreten lassen. Selbst Albert Schweitzer habe dem Afrikaner nur den Rang eines jüngeren Bruders zugestanden und damit eine „ungeheuerliche Gotteslästerung“ begangen.

„Es kam der Zeitpunkt“, sagte Achebe, „da über diese Wilden, denen ich in den europäischen 'Romanzen' von Schriftstellern wie Ryder Haggard und Joseph Conrad begegnete, Rechenschaft abgelegt werden musste. Diese unmöglichen Figuren - hässlich, kaum als Menschen erkennbar - waren es Vertreter der Menschen in meinem Dorf, die Leute, die ich kannte? Die Antwort musste ein eindeutiges Nein sein! (...) Deshalb beschloss ich, mich selbst im Schreiben zu versuchen, Figuren zu gestalten, die so waren wie die Menschen, die ich kannte. Und ich wollte sie weder besser noch schlechter darstellen, als sie wirklich waren. Es schien mir einfach eine Sache der Gerechtigkeit, dass ich versuchte, ihnen in meinen Erzählungen eine Heimat zu geben.“

„Sie haben mir das Leben gerettet“

Der 71-jährige sagte, der Friedenspreis sei ein bedeutendes Ereignis in seinem Leben: „Ich muss gestehen, dass die Ehre, die Sie mir zuteil werden lassen, vielleicht sogar größer ist, als Ihnen bewusst sein mag. Sie haben nichts Geringeres getan, als mein Ansehen zu retten: einfach dadurch, dass Sie mich als Friedensstifter bezeichneten. Sie haben im Angesicht derer, die einen Unruhestifter in mir sehen, meine höchsten Hoffnungen und Ziele gestärkt und bekräftigt. Sie haben mir, buchstäblich, das Leben gerettet.“

An der Feierstunde nahmen knapp 700 Gäste aus Kultur, Wirtschaft und Politik teil, darunter Ex-Bundespräsident Richard von Weizsäcker, der scheidende Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin und die bisherigen Friedenspreis-Träger Amos Oz, Assia Djebar und Karl Dedecius. Die Laudatio auf den 53. Träger der renommierten Auszeichnung hielt der Präsident des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, Professor Theodor Berchem. Er kritisierte die einseitige europäische Sichtweise bei der Darstellung Afrikas in Geschichte und Literaturgeschichte.

Berchem, Literaturwissenschaftler und Universitätspräsident in Würzburg, bescheinigte Achebe, Afrika keineswegs zu verklären. Er spare die negativen Seiten der Dorfgemeinschaft nicht aus, sondern zeichne ein authentisches Bild der traditionellen afrikanischen Gesellschaft. In seinem kunstvollen Umgang mit dem Englischen lasse er Eigenheiten seiner nigerianischen Muttersprache Ibo aufscheinen. Berchem kritisierte, dass deutsche Schulbücher die Geschichte Afrikas erst mit der Ankunft der Europäer beginnen ließen. Wenn es zu einem wirklichen Dialog kommen solle, müsse man das als erstes ändern.

Der Vorsteher des Börsenvereins, Dieter Schormann, nannte den 71-jährigen Achebe einen „großen Humanisten und Mittler zwischen den Kulturen“. Er beklagte das Desinteresse westlicher Industrienationen am Kontinent Afrika. Trotz aller Globalisierung wüssten die Menschen in den westlichen Industrienationen nach Ansicht Schormanns über viele Kulturen der Welt fast nichts, Afrika sei für viele Menschen in Deutschland der „Kontinent der Krisen und Katastrophen, der Kriege, Kindersoldaten und Krankheiten, des Hungers und der Heimatlosigkeit“. „Zu Beginn des 21. Jahrhunderts sind die Gräben zwischen den Zivilisationen tief“, sagte der Börsenvereins-Vorsteher. Gerade das Buch könne die Gräben überbrücken.

Achebe hat seit den 50er Jahren Romane, Erzählungen, Gedichtbände und Essays veröffentlicht, die in über 50 Sprachen übersetzt wurden. Seit den 70er Jahren lehrt der politische engagierte Autor in Nigeria und den Vereinigten Staaten, wo er heute als Professor für Literatur lebt. Seit einem Autounfall im Jahr 1990 ist er an den Rollstuhl gefesselt.

Regula Erni

Achebes Forderungen

 

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