BAAL LEBT ________________________________________________

Baal lebt? Hohe Belili, trittst du nicht aus dem heimlichen
Schatten deiner späteren Schwester? Hat nicht dein Zürnen
ein Ende? Und wäre Baal tot, du bliebest, vergangenen Zeiten
treu, auf immer, Windsängerin.
Baal ist tot. War er nicht das lustige Kerlchen mit dem roten
Bauch? Wir mochten ihn nicht. Vor die Tore der Städte gejagt,
sagt man, ufert er aus in die Wälder. Die Städte werden verschwinden. Andere meinen, er sei jetzt Metzger in Portugal, verheiratet mit einer bösen Matrone, die ihn vergifte. Abends, heißt es, kenne man ihn noch.
Ostwärts müsse man suchen.

Sie reden darüber, WO sie darüber reden sollen; sie reden darüber,
worüber sie reden sollen. Fragen nicht nach dem WIE. Das WARUM
bleibt auf der Strecke. Sie reden darüber, daß es langweilig ist,
DARÜBER zu reden. Sie reden über die technischen Schwierigkeiten,
die das Reden erschweren.
Reden sie? Reden sie miteinander? Reden sie aneinander vorbei,
über einander hinüber?

Nein, sie träumen nur. Sie essen das Brot ihrer Rede. Sie wenden
die Zunge zur Erde und sagen: es ist genug. Sie legen die Beine
hoch auf die Kanten von Stühlen und sagen: wir reden darüber.
Laßt uns darüber reden, sagen sie. Die Stühle sind echt.
Und die Reden? -

SIE BESCHWEREN SICH. BURKS meldet sich und sagt: ALLES MURKS.
Wer erst HERUNTERLADEN muß und Formate kennen, ist verloren.
MAN soll es gleich lassen, wenn nicht eine Million zufriedene
Leser drohen, ihre Buchdeckel nicht mit dem Meißel aufstemmen zu wollen.
Reden wir - ich, DUIHRERWIRIHRSIE?
Wer macht den Mund auf?
Wer klappt ihn zu?
Wer reicht wem das Ohr und wer drückt endlich zwei Augen zu?
Sie (wir) klimpern mit den Fingern auf Tastaturen herum, furios
die einen, stakkato die andern. Dort - nicht da - hängend an
künstlichen Drähten, wo früher der Windschatten lag.

Sie reden darüber, wie Einzelne es doch unterschiedlich verstehen,
wenn man darüber redet, und daß das doch selbstverständlich sei.

Ver-ständlich? verstehen?
Selbst stehen? Selbst gehen? -
Is ja'n Ding! Im Ernst: ist das nicht klar?

Rufen die einen: Nein, nein!, sagen die anderen, du hast
nämlich recht.

Sie haben Besprechungen. Sie besprechen die Welt. Sie besprechen
die Welt wie sie Warzen besprechen, Schwarten, das Wachsen der
Gräser, den Sturm, das Knicken der Äste im Wind. Die Welt! Einem
jeden die seine, perfekt konfiguriert - und mir die meine -
o Macht über diese eine, meine kleine Welt! O, Macht, welche
Ohnmacht. Macht! Macht über ein Auto, Macht über ein Wort, über
einen Ort. Am liebsten wäre uns allen ein Menschentier, eine
Herde auf dem Internet; eine Menschenherde.

Sie analysieren die Probleme. Sie problematisieren alles,
was klar ist und luzid.
Sie diskutieren Herangehensweisen.
Sie bemühen sich um die Verbreitung der Diskurse. Sie - ICHDUWIR -
begehen den Diskurs von unten nach oben, von hier nach dort - von
dort nach hier. Ein Hin ist zum Her - mit dem ganzen Heer.
Und sie - ICHDUER - zweifeln an diesem Begehren.....
(zu Recht, zu recht, kennen sie doch, ihre Pappenhei-, ihre
Pappenschleimer...)

Sie werden zu JEMAND, jemand mit Thesen, mit Meinungen, mit Weit-,
mit Weltsichten. Einige werden JEMAND, mit dem zu rechnen ist, der
nicht mehr übergangen werden kann. Glückwunsch. Andere tragens,
erst kürzlich las ich's wieder in einem kleinen Büchlein des Celan,
"wie die Uhr ihre schlechteste Stunde"; gesagt: 'sie werfens nicht
fort.' Sie werfen was nicht fort? Ihre Weltsichten? Ihre Ansichten?
Ihre Wünsche, Glückwünsche? Glückwunsch!
Gratulieren? nicht vielmehr: Kondolieren?
Stimmt. Aber vielleicht bin ich morgen schon anderer Meinung.
Links, zwei, drei....
und rechtsum -
ein Schrei!
Eine neue Meinung.
Wo?, wo? woooooooooooo?

Hier! Gratis. Abnahmeverpflichtung. Lies. Wörter. Wörter.
DU darfst nicht nein sagen.

Neue Texte, die bei anderen zu neuen Meinungen führen und
weitere Texte hervorrufen. So wenig. Zu wenig. Selten.
Ganz, ganz rar. Aber:
GE-SUCHT!
Sie - wir - graben, grübeln.
Futter für die Suchmaschinen.
Ab-
Fall. Such(t)
Fall. Seuchenfall.
Fall endlich, fall -
den neuen Texten zu!

Die neuen Texte haben keinen Sinn, denn sie existieren nicht als
Sätze
oder Ab-Sätze. Sie leben entlang den STICH-Worten.
Aua! Es sticht! Das Wort, das Stichwort - das führt zu Mord.

SINN und Wahrheit sind hinfällig, sagt einer, der darüber redet.
Wir werfen sie in die Luft, die Wahrheit; wir tun, als spielten
wir mit Münzen. Heut' gilt die Zahl; mit dem Kopf hoab i heit
nix am Hut!

Wir - ICHDUERSIEWIR - (ver) werfen den SINN.
Sind selbst Verwerfung, fragen nix, wissen bloß schon mal und
wollen nicht wissen, denn, sagen SIE, Baal lebt, fragt nicht,
ihr werdet zu deuten sein.

Und Netzliteratur?
Netz
li
ter(r)a
tur.
Netzlitera-
tun!

Da, in dem N, dem einen Buchstaben,
liegt der Hund begraben. (and they sing NOR NEY NEVER, NOR NEY
NEVER NO MOOOOORE...) Nero.

Also, mein oben zitierter Text hatte NIX mit BAAL zu tun....
Ja, WOZU denn dann der Betreff: Baal! WARUM BAAL, WARUM BAAL?????

Schade. Haben wir mit Baal nichts mehr zu tun?
Es ist uns nicht bewußt, überhaupt nicht, aber wir haben mit ihm
zu tun - und wie wir mit ihm zu tun haben!

Gibt es ein Leben neben dem Darüber-Reden, das sich in Texten
schreibt?
Eine lange Weile schon reden Menschen ÜBER. Und nichts GEHT mehr.
Unser Reden und Meinen bricht in Milliarden Texten über uns herein,
bis auch der letzte Leser genug vom linearen Denken hat. Gomorrha.

BAAL FORDERT MENSCHENOPFER

Große Belili, wie schön ist das gesagt von den Alten, die Baal ver-
stoßen wollten in ihrer rührigen Art, freu dich der deinen, aber:
Mehr Menschenopfer fordert der Diskurs. In jedem Darüber-Reden
stirbt ein lebendiges Wesen, das zum Ausdruck drängt und nicht zur
Diskussion. Denn nebeneinander stehen wir auf den Straßen, Gestalt,
an Gestalt. Nie blicken wir auf, nie schauen wir uns an, nie treffen
sich zwei Gesichter, nie ist ein Lächeln ausgespannt von Triefnase
zu Triefnase. Hi, Taschentuch, meine stiller Freund, mein weicher.

Dies sollte halt eine Verbindung zwischen der lexikalischen
Begrifflichkeit und der Frage nach der Verwendung des Begriffs im
Zusammenhang mit Administrativa bilden. Da opfern sich Menschen
auf, sind "administrativ tätig."

BAAL IST ÜBERHOLT. Wir haben ihn überholt, überrollt. Wir bringen
uns selbst als Opfer dar. (HÖRST du, Göttin, wir glauben schon
wieder.)

STIMMT, ABER VIELLEICHT BIN ICH MORGEN ANDERER MEINUNG

Was administrieren? Warum sich opfern? Nichts bleibt, wie es ist.
Am Anfang des Netzes steht das Ende der Bewahrer. Während sie
sammeln und ordnen und administrieren ist alles längst ganz anders
geworden und das, was dabei herauskommt, worüber dann zu reden wäre,
hat keinen Platz mehr in der Welt, die auch schon ganz anders
geworden ist und morgen wieder bis dann der Tag überhaupt nicht
mehr aufgeht, aber das wissen wir schon. Was wissen wir schon?

Es ist so viel angenehmer, von jemand anderem als sich selbst
administriert und kontrolliert zu werden; es ist soviel besser
von einem anderen als sich selbst unterdrückt, ausgebeutet,
verfolgt, manipuliert und was es da sonst noch so alles gibt,
zu werden, daß *man* sich im allgemeinen kaum mehr Gedanken
darüber macht, was man selbst täte, wenn man in dieser oder
jener Lage wäre. Selbst wenn man in der Lage wäre. Wenn. Wäre.

Die Beschleunigung wirkt auf menschliche Gemeinschaften wie die
Bombe, sagt Virilio – und schafft sich umgehend einen ISDN-Anschluß
an.

Ob jemand nun weiß, welche Bedeutung Baal noch hat, ist hierfür
gar nicht mal relevant, oder?

Oder - was? (Wozu das Oder? und warum?)

Wüßten wir es, wüßten wir, daß Gemeinschaft nicht aus Diskursen
wächst. Wüßten wir vom Leben jenseits der Diskurse, wären unsere
Gemeinschaften nicht so leicht zu sprengen. Wüßten wir vom Leben
jenseits der Gemeinschaften, kämen sie vielleicht gar nicht vor. Die
Gemeinschaft wurde von der Gesellschaft abgelöst, die Gesellschaft
von der Masse. Die eine Hälfte der Masse - Masse ist Masse - um
kreist die andere Hälfte der Masse. Und dann ist der Käse fertig
und wir sind mitten im XXI. Jahrhundert und individuell, dann plötzlich, vielleicht, viduell, visuell. Oder nur noch virtuell.

Vorsicht, warnt Virilio und hebt mahnend den Finger, denkt an die
Beschleunigung, die Anziehungskraft - den Zusammenprall.

Wir prallen nicht zusammen. Der Net-Lag steht zwischen uns. Unsere
Daten kreisen um die Erde und bemühen sich, unsterblich zu werden.
So unsterblich wie die halbleere Flasche mit Kunstharzverdünner
auf der Sondermüll-Deponie. Das ist nicht zynisch, sondern macht
Spaß. Es ist das Spiel der Friedlichen, derjenigen, die noch immer
jedes Massaker im Real Life entschlossen meiden. Wir meiden uns
schon weit im Voraus, halten den Mitmenschen und seine
unermüdlichen Lebenszeichen auf Mausklick-Distanz, klick und weg
- Löschtaste, wie Olli sagt. Kein Platz für ein Massaker. Wir
massakrieren einander mit Worten, denn

BAAL FORDERT MENSCHENOPFER

Der Autoverkehr fordert mehr Menschenopfer. Und er ist eine
Täuschung: Während das Individuum sich nicht bewegt, - es bewegt
sich doch, das Individuum, denkt nur an das Gaspedal -  wird es
technisch gestützt von einem Ort zum anderen gefahren. Eine
Sackgasse, wie so vieles. Ein Opfer ohne Erfüllung. Genau das hat
Virilio vor zehn Jahren gesagt. Spricht er nur oder geht er zu
Fuß? Hat seine Bahncard eine Zahlungsfunktion? Fahren noch Züge?
Aber, aber, Virilio macht Züge; Schlachtzüge und Schachzüge.

Baal amüsiert sich köstlich. Er thront über uns. Zeckenhaft,
prall und voll. Wir liefern ihm den Nährstoff....

..Eine kleine silbern glänzende Träne schlängelte sich wie eine
lebendig gewordene Laufmasche durch die Runzeln im Angesicht
der Alten Hexe, schimmerte noch etwas im Abglanz der fetten
Wachskerze und verschwand unsichtbar wie sie entstand in der
Halskrause von Mimh.

"you ain't got drunken if ya aim drink water," pfiff ich, parkte
Mithras in einer Staubwolke aus Blut Schweiß und Tränen vor
dem Tipi der Alten Hexe, schlang mein Halstuch um die Hörner
und bog dem Vieh den zotteligen Kopf in die Halteschlaufe vor
Mimh's Unterkunft.

Sicherheitshalber linste ich noch mal um die Ecken der
Wahrnehmungswirklichkeit und schälte mich durch den Zelteingang.

"Salz und Brot, Siegel der Kunst," sprach ich die vor ihrer
Apfelsinenkiste kauernden Alten an.
"Du? Du wagst es, nach all den Äonen nutzloser Jahre hier
aufzutauchen?" fauchte die Alte, schoß mir einen undefinierbaren Blick in die
Iris.
"Wo Ist BAAL?", komme ich gleich zur Sache,

"Armer Irrer," murmelt sie ,"hast Du noch nicht genug?"

"WO IST BAAL"
Die Alte zuckt nur mit den kümmerlichen Schultern, fischt
nach der Glaskugel, reibt mit ihrem blödsinnigen Ritual die
Kugel blank, stöpselt die als Ohrgehänge herunter baumelnden
Fischzeichen in die Ohren und beginnt. "Haraumann, saurias. te deo trauRigas, murmelte de siris
mUrMeLtESaurius"

Ihr Gesicht verschwindet hinter einem Vorhang von Tränen,
ich in Trance, die Kugel glimmt in trübem Rot, der Tanz beginnt...

Das gehört sich so. An unseren Göttern sollt ihr uns erkennen. Sie,
-die Andern? Wir? - reden aber bloß, sie reden sich bloß, während
sie über (uns?) thronen und sich ernähren.
"Friß Kreide, baalsjünger, sieh auf den Boden, nimm den Spieß und träufle das Fett - harelulla, abdulla, fett sind die Jahre, verbrannt die Haare, verknöchert die Zeit."
"Mein reich ist Frucht mein arm ist rede mein lohn der Tod..."
"nun, du irrer, findest du baal?" hinter dem Laufmaschenvorhang
glänzt das Faltengesicht der Alten in blutrotem Firnis.

"FRESSENS!G HER!TANZ!" ich wirble mit meinen nackten Füßen
den Staub der Jahrhunderte durch das Zelt der Hexe, werde
schneller und bewege mich nicht.

baal reicht mir eine frische leber.
ich bestehe auf apfelschnitz und Zwiebelringe, Baal feixt.
Zuletzt, wenn Hand und Fuß gegessen sind, wird die Zunge die
letzte Speise. Und, Austern unter den Zähnen, zwischen den
tönernen Scherben der Schädel blühen die Ohren. Vor dem Zelt
zerrt Mithras an der Leine.

VIELLEICHT BIN ICH MORGEN SCHON ANDERER MEINUNG

Diese Möglichkeit ist gegeben. Der Gegenstand bleibt derselbe,
aber ich gehe weiter, wechsle den Standort (Sitzort) und damit
tun sich mir neue Perspektiven auf.
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Ingo Mack