Wo der Handschlag seine Gültigkeit verloren hat
Journalistischer Quellenschutz - oder
Wo der Handschlag seine Gültigkeit verloren hat
Die BBC will ihren Ruf retten und berichtet seit Tagen in eigener Sache.
"Die BBC hat Kellys Zweifel an den Massenvernichtungswaffen aufgezeichnet",
steht am 23.07.03 in Grossbuchstaben über dem Beitrag auf der BBC-Website.
Auf der Website gibt es bereits eine anklickbare Rubrik, genannt "Die
Kelly-Untersuchung". Der Streit zwischen der Regierung und dem Sender
BBC wird dort sozusagen live übertragen. David Kelly ist tot; er
kann sich weder gegen BBC noch gegen die Regierung wehren.
Gemäss BBC-Bericht hat nicht nur der Radioreporter Andrew Gilligan
mit dem Waffenexperten Kelly gesprochen, sondern auch die BBC-Journalistin
Susan Watts. Auch ihr gegenüber soll er seine Zweifel an der Darstellung
der Regierung betreffend der irakischen Waffenarsenale erwähnt haben.
Im Gegensatz zum Radioreporter Gilligan hat, so zumindest ist nachzulesen,
Susan Watts das Gespräch mit Kelly auf Tonband aufgenommen. Susan
Watts' Tape solll nun beweisen, dass die BBC-Berichte über die angebliche
Lügerei und Panikmache der britischen Regierung durch Kellys Aussagen
untermauert worden sind.
Einerseits könnte das Tape von Susan Watts für BBC die journalistische
Ehrenrettung sein, sofern die von einem Schauspieler vorgelesenen Zitate,
die im Juni in Watts Sendung "Newsnight" von einem Schauspieler
gelesen worden sind, mit den Aussagen von David Kelly übereinstimmen,
anderseits richtet der Sender mit seinem Verhalten gegenüber der
"Quelle", in diesem Fall also David Kelly, schier unglaublichen
Schaden an: Der Sender hat mit unerlässlichen und ehernen journalistischen
Grundregeln gebrochen: Dem Quellenschutz.
Die vereinbarte Vertraulichkeit über die Herkunft der Informationen
wurde auf Druck der Regierung Blair gebrochen. Die Regierung behauptete
schlicht, der Report über die Lügen eben dieser Regierung sei
falsch. Die tapferen Mannen von BBC fingen zu schwitzen und ihren Journalisten
zu misstrauen an - und schon war es um alle Vertraulichkeit der "Quelle"
geschehen: Gilligan redete, er sprach von einem Beamten, der an den Unterlagen
der Regierung Blair mitgearbeitet habe - und es fiel nicht nur, aber auch
den Insidern leicht, den Namen der "Quelle" zu enttarnen: David
Kelly. Von diesem Augenblick an musste Kelly nicht nur um seinen Job fürchten.
Der Rest der Geschichte ist bekannt: Die Regierung Blair behandelte Kelly
wie einen, der Hochverrat begangen hat, Kelly beging Selbstmord, BBC nannte
seinen Namen, bezeichnete ihn als "Hauptquelle" und legte dem
Richter das erwähnte Tape vor. Dass Kelly gewusst hat, dass das vertrauliche
Gespräch aufgezeichnet wurde, ist zu bezweifeln...
Die BBC-Kelly-Affäre wird zur Folge haben, dass brisante Informationen
nicht mehr an Journalisten weitergegeben werden. Keiner wird das Risiko,
von seiner Regierung als Verräter gebrandmarkt zu werden, eingehen;
der Öffentlichkeit werden in Zukunft wichtige Informationen vorenthalten
bleiben. Dank Gilligan. Dank BBC.
Wieder einmal hat sich bestätigt, dass die erlaubte politische Lüge
dem Feind Sand in die Augen zu streuen, eine Abwandlung erfahren hat:
Eine Regierung, nicht nur im konfusen Italien, streut ihren Wählern
Sand in die Augen - ganz offensichtlich und ungestraft.
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