Hans Zengeler: "AbLeben"

Karl-Josef Durwen: "Im Spiegel der Möglichkeiten"

Markus Koch: "Und wo sind die Yachten der Kunden?

Steve Appleton: The Rolling-Stones RIP THIS JOINT

Nobelpreis für Literatur geht an Imre Kertész

Stephen L. Carter: Schachmatt

Kathy Reichs: Durch Mark und Bein

Mario Vargas Llosa über Marcel Reich-Ranicki

Noam Chomsky, Mitbegründer "Nicht in unserem Namen"

Jan McEwen: Abbitte

Lord Chandos R

Oriana Fallaci: Zum Antisemitismus - Interview

V. S. Naipaul: "Der Islam will die Welt beherrschen"

 

 

 

"Lieber Lord Chandos"

 

Hofmannsthal nannte, was er in jenem Sommer schrieb «Ein Brief» und zählte ihn zu seinen Erzählungen. Dass aus diesem Brief die (Wiener) Moderne schlechthin werden würde und damit gleichzeitig die Saat für die Epoche der Sprachkritik gestreut wurde, konnte er nicht ahnen. Nietzsche hat ihr den Boden bereitet und Hugo von Hoffmannsthal arbeitete ihr nebst Fritz Mauthner, letzterer stilistisch wesentlich unbeholfener, zu. Die Ernte dieser sprachkritischen Bemühungen fuhren dann Ludwig Wittgenstein und Karl Kraus ein.
Die FAZ schreibt dazu: "Der Brief, den Hugo von Hofmannsthal vor hundert Jahren den jungen Lord Chandos schreiben ließ, ist eines der zentralen Dokumente der Moderne. Er beschreibt eine Erfahrung, die uns nach wie vor vertraut ist: Die Welt zerfällt in Fragmente, und auch Sprache und Dichtung können sie nicht mehr zu einer Einheit fügen."

Der hoffmannsthalsche «Brief» scheint auf dem schmalen Grat zwischen Sagen und Verstummen entstanden zu sein und an diesen zu mahnen. Heute sagen wir: Es war ein Dokument des Übergangs, schliesslich verlegt Hofmannsthal die Entstehung des Dokuments ins Jahr 1603, ans Ende der elisabethanischen Zeit. "Seiner sprachskeptischen Aussage nach wurde der Brief freilich zu einem Brevier für literarische Modernisten, die sprachgewandt an ihrem Medium zu verzweifeln scheinen. Und eben das ist der reizvolle Widerspruch in Hofmannsthals Chandos- Brief, zeigt er doch einen jungen, bisher erfolgreichen, unverhohlen narzisstisch disponierten Schriftsteller, der in exquisitem Stil das Unvermögen der Sprache erörtert." (NZZ)

Was aber sind die Motive für diesen Brief?

Zum einen wahrscheinlich die Frage, was es für das Ich bedeutet, immer wieder «anders derselbe» zu sein.
Zum anderen spricht Chandos vom "hieroglyphischen Charakter der literarischen Überlieferung", die er einst zu entschlüsseln beabsichtigt habe. Er stellt sich vor, dass sein «Körper aus lauter Chiffern» bestehe, aus Einzelteilen, Einzelheite, die ihm jedoch kein wirklich Ganzes,  kein Zusammenhängendes erschliessen können. Dazu gehört der sprichwörtlich gewordene Befund, dass die abstrakten Worte, «deren sich doch die Zunge naturgemäss bedienen muss, um irgendwelches Urteil an den Tag zu geben», ihm «im Munde wie modrige Pilze zerfielen».

Adressiert war dieser fiktive Brief an Francis Bacon, einen Wissenschaftstheoretiker, der sich am Empirismus und Utalitarismus orientierte. Da drängt sich logischerweise die Frage auf, was dieser Empiriker z.B. mit der Behauptung, dass «die Wirbel der Sprache ins Bodenlose führen» hätte anfangen können? Wie hätte Bacon reagiert auf die gefühlsbetonte «Utopie» des Hofmannsthal'schen Lord Chandos, die in diesem Brief ebenso wichtig ist wie der Zerfall der Abstrakta in «modrige Pilze», aber kaum je zitiert wird: «Es ist mir, als könnten wir in ein neues, ahnungsvolles Verhältnis zum ganzen Dasein treten, wenn wir anfingen, mit dem Herzen zu denken»?
Ohne Bacon zu nahe treten zu wollen, gestatte ich mir zu sagen, dass diese «Ahnung» eher bei Pascal ein Echo gefunden hätte.

Es reizt natürlich, auf diesen fiktiven «Brief» zu antworten und zu sagen, dass er immer noch ankommt, dass er seit 1902 immer neue Empfänger findet. Es ist interessant, dass die bereits einmal zitierte Briefstelle unsere Gegenwart, die durchsetzt ist mit Abgründen, durchsetzt mit Bruchstücken von verlorenen Welten und geprägt von langsamem, aber ernüchtertem Aufwachen nach fast zehn Jahren Spasskultur: «Es zerfiel mir alles in Teile, die Teile wieder in Teile, und nichts mehr liess sich mit einem Begriff umspannen. Die einzelnen Worte schwammen um mich; sie gerannen zu Augen, die mich anstarrten und in die ich wieder hineinstarren muss: Wirbel sind sie, in die hinabzusehen mich schwindelt, die sich unaufhaltsam drehen und durch die hindurch man ins Leere kommt.»

Für die Redaktoren der FAZ lag die Idee nahe, Schriftsteller zu bitten, aus ihrer heutigen Sicht auf den Hofmannsthal'schen Brief an Lord Chandos zu antworten. Erschreckend jedoch, wie wenige von ihnen dem Ausmass dieser Aufgabe gewachsen sind.

Nur die wenigsten der wenigen haben erkannt, dass es in dem Brief im Grunde darum geht, dem drohenden Zerfall von Literatur Widerstand zu bieten.

Auch Georg Klein hat an Lord Chandos geschrieben; er hat eine Rosskur gegen Schreibblockaden empfohlen. Der Ingeborg-Bachmann-Preisträger, geboren 1953 in Augsburg, wurde bekannt mit seinen Romanen "Libidissi", "Barbar Rosa" und "Von den Deutschen".

Lesen Sie hier einen Auszug aus seinem Brief an Lord Chandos.

"Lieber Kollege,
falls Du, von subtilen Skrupeln geschüttelt, wirklich nicht mehr weißt, aus welchem Finger Du Dir einen weiteren Roman oder auch nur den Mut für seine erste Zeile saugen sollst, es kann Dir durchaus geholfen werden. Du mußt Dich nur meiner Lord-Chandos-Kur unterwerfen, die allerdings, ich sage es frei heraus, eine rechte Roßkur ist." (...)

"Erster Schritt der Lord-Chandos-Kur: Besorg Dir den sogenannten Chandos-Brief, die Erzählung "Ein Brief" von Hugo von Hofmannsthal. Ich rate zum Internet, auf der Website der Mauthner-Gesellschaft findest Du ihn, isoliert von anderen Texten des Meisters, zum Gratis-Herunterladen." (...)

"Zweiter Schritt der Lord-Chandos-Kur: Verwandele Deine Dichterklause für 12 Stunden in eine Chandos-Kur-Zelle, indem Du die üblichen Schlupfwege aus dem Schreiben unbegehbar machst: Trenne Deinen PC, das Telefon und das Fax von der ISDN-Buchse, mach desgleichen Fernseher, Musikanlage und Spielkonsole unbenutzbar! Schaff alle Druckwerke, Text wie Bild, aus dem Raum! Nur der Chandos-Brief in der oben beschriebenen Form darf bleiben. Beseitige ebenso alle Drogen, mit deren Hilfe Du bislang Dein Werk beziehungsweise dessen Vermeidung befördert hast! Keinen Kaffee, kein Bier, keinen Wein, keine Zigaretten, keine Schokolade, keinen Nasenpuder! Für 12 Stunden müssen Dir Wasser, trocken Brot und der Chandos-Brief genügen.

Deine Lebensgefährtin, deren Fürsorge Du bisher dazu mißbraucht hast, das ewige Sorgenkind, Deine Schreibkrise, zu hätscheln und zu päppeln, kann sich nun um deren radikale Beseitigung verdient machen. Sie soll die Tür Deiner Kur-Zelle für besagte 12 Stunden von außen verschlossen halten.

Dritter Schritt der Lord-Chandos-Kur: Beginn damit, Dir Chandos vorzulesen!" (...)

"Vierter und letzter Schritt der Lord-Chandos-Kur: Du hast zwölf einsame Stunden durchgestanden. Dafür gebührt Dir mein halber kollegialer Respekt! Und auch die zweite Hälfte meiner Anerkennung kommt Dir zu, wenn Du nun die noch fehlenden Schritte in ein neues Autoren-Dasein tust: Verschling den Chandos-Brief!" (...)

"(...) Heutzutage kann sich die Literatur diese Pirouetten, die Endlosschleifen des Sprachzweifels, nicht mehr leisten. Der noble Anspruch, den Zeitgenossen in diesem Tonfall etwas vorzudenken, ist in den medialen Stürmen des letzten Jahrhunderts zum Dünkel einer überprivilegierten Kulturkaste verkommen."

(...)
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.08.2002, Nr. 194 / Seite 33

NB: Es lohnt sich allemal, dieses Buch zu kaufen und zu lesen - auch wenn es nur darum geht, herauszufinden, wer von den heutigen Autoren Hoffmannsthals Brief an Lord Chandos verstanden hat!

Das Buch: «Lieber Lord Chandos». Antworten auf einen Brief. Herausgegeben von Roland Spahr, Hubert Spiegel und Oliver Vogel. S.-Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 2002. 256 S., Fr. 33.80

 

Home

Von der Sprache des Lebens

Schilf Tanz

Amerikanische Wirtschaftsstrategien

Amerika auf dem Weg zum Totalitarism?

Wo Schmetterlinge Trauer tragen

SWISS Überlebensstrategien

Kolumen & Kommentare

ars electronica Netzliteratur

Friedrich Dürrenmatt

Was ist Netzliteratur
Fernsehen

Play Global

Netzliteratur

LitArt

Peel it, just peel it

Baal lebt - Netzliteratur

Kolumnen & Kommentare

Rezensionen