Nietzsche & Einstein

Nietzsche in Haft

Kirchenasyl für Nietzsche

DogCommunication und die Menschen

Nietzsche & Einstein auf der Reise

Nietzsche & Einstein in Spanien

Einsteins Traum und dessen Folgen

Nietzsche & Einstein auf der Flucht durch Frankreich

HUNDE DEMO in Paris

Flanieren

Flug nach Zürich

Die Ankunft

Auflösung

Der offene Brief

 

 

 

Einstein & Nietzsche

auf der Reise in den Süden oder Norden

erdacht und geschrieben von Regula Erni & Hans Zengeler

 

...ssssss... schüttelte Nietzsche, der gemeinsam mit seinem Freund in ein Erster-Klasse-Abteil umgezogen war, den Kopf. Sie sind schon komisch, diese Menschen, Einstein, findest du nicht?
Drehen sie schier durch, bloß weil sie unsere Kommunikationsfähigkeiten nicht einordnen, nicht glauben können. Entweder halten sie es für Betrug oder für Übernatürlich. Sie haben keine Ahnung von unserer Intelligenz, sie glauben, bloß weil wir ihren Kommandos gehorchen, seien wir ihnen unterlegen, um nicht zu sagen, untertan. Dabei gehorchen wir ja nur, damit sie, diese Menschen, sich freuen können, damit sie glauben, wenigstens bei uns etwas zu Sagen zu haben, weil die meisten ja sonst nichts mehr zu sagen haben, schon komisch, diese Menschen, nicht ...

...wuwu, es ist unendlich schwer, Menschen davon zu
überzeugen, dass wir mehr sehen und mehr hören als sie sich vorstellen können, da hast du vollkommen Recht.
Immer wenn Menschen unser Kommunizieren als
"unmöglich", "übersinnlich" oder mit "Das gibt's doch
nicht" bezeichnen, möchte ich sie bitten zu versuchen,
ihr Unbegreifen zu begreifen. Und dann ärgere ich mich
über mein Unvermögen, mich in menschlicher Sprache
ausdrücken oder mich den Menschen auf eine andere Weise mitteilen zu können, beuge mich ihren Befehlen, mache Sitz, Platz oder laufe bei Fuss...

wuff, und manche Menschen merken gar nicht, wie fest wir sie im Griff haben, daß eigentlich wir ihre Erzieher sind. Wenn ich da nur an Herrchen denke: ehe ich zu ihm kam, ist er nie vor neun Uhr am Vormittag aufgestanden, das wollte er anfangs auch beibehalten, doch ist es mir in kürzester Zeit, wuffwuff, gelungen, ihn zu einem früheren, zu einem sehr viel früheren Aufstehen zu bewegen...

wuwu, da muss ich an die Hundeerziehungskurse denken - wuowuo, Hunde Erziehungskurse wuwu. Wir Hunde wissen schon, wie wir mit den Menschen umgehen müssen, allein die Menschen kommen mit den Hunden nicht zurecht und dann nennen - wu, wenn ich daran denke, bekomm ich
einen Bellkrampf wuwuwuwu...

wuff, mein Freund, wuff, so ist das - wir sollten das zu gegebener Zeit mal aufschreiben, wuff, was meinst du, Hundeansichten über die Menschheit, das wärs doch, wuff ...

wouuuuuuu, die Angst, die sie vor der Freiheit haben
und die darin Ausdruck findet, dass sie so viele
Gesetze erlassen - wuwuwu - ein Dschungel in den man nur mit einer Machete vordringen, sich aber niemals zurechtfinden kann - wuwuwu - und all die seltsamen Ideen mit Regulieren, Regeln wuwuwu - du hast sicher schon gehört, wenn sie einander "jetzt sei doch vernünftig" zurufen und dabei weiss keiner, was damit gemeint ist - wuwuwuwuoouuuuuuu - welche Vernunft und wessen - ihr Festhalten an einem Wissen, das auf Glauben beruht wouuuuu - Nietzsche, damit werden wir nie im Leben fertig - wuwuwu

wuff, Einstein, wir müssen dein Wissen unbedingt allen Hunden, wuffwuff, zugänglich machen, weil da ja weißt, daß es unter unsereinem - jetzt hätte ich fast Menschen gesagt - welche gibt, die sich, wouuff, hundlich zu Menschen verbiegen lassen, diese Kampfhunde, wuff, weißtu, die nicht mehr wissen, daß sie Hunde sind, wir müssen da was unternehmen, wenn wir nach Freiburg fahren, wuff, aber jetzt sollten wir diesen Ort verlassen, meinst du nicht?

wu, Nietzsche, was meinst du mit "Wissen"? - Die
Relativitätstheorie, an der heute noch alle nagen, als
wäre sie ein monströses Kalbsknie, das jeden Bissen
automatisch durch Wachstum ausgleicht? wuwu, Nietzsche, das letzte, das ich gelesen habe war, dass sie die Form des Universums der Relativitätstheorie anpassen - wuwu, das Universum ist eine Ebene, keine Biegungen wwuwu - diesen Ort verlassen - ja, wohin, zum Dobermann sollen wir denn gehen? Die südrussischen Owtscharkas kommen erst morgen oder übermorgen - irgendeine Idee,
Nietzsche?

Der Zug verlangsamte seine Fahrt, der Fahrkartenschaffner kam dem Abteil, in dem es sich die beiden gemütlich gemacht hatten, bedrohlich näher ...

wiff, Einstein, meinte, Nietzsche, der Unterschied zwischen uns ist: du bist hoch intelligent und scheinst sehr belesen zu sein, ich bin bloß schlau und ein wenig
gerissen. Der Schaffner kommt, wir müssen schleunigst abhauen ...

Gerade noch rechtzeitig entkamen sie dem Zugriff des Schaffners. Sie rannten durch die Abteile, kamen zu einer leider verschlossenen Tür, wie sollte die aufzubekommen sein? Einstein versuchte mit seiner Pfote den Hebel nach unten zu drücken, es gelang nicht. Da entdeckte Nietzsche die Aufschrift „Notknopf“, biß kräftig in den roten Knubbel, zog daran, es zischte laut, die Tür sprang auf und die Hunde hinaus. Sie sahen, daß sie sich in der Nähe des Bahnhofs befanden, überquerten vorsichtig die Gleiskörper, Nietzsche meinte, man solle sich zum Güterbahnhof durchschlagen, auf einen Güterwagen springen und sich so weit wie möglich von hier fort bringen zu lassen.

Ich habe das mal bei Jack London gelesen, bellte er, bzw. ist mir Jack London von Max vorgelesen worden, er, Max, hat während des Lesens oft seufzen müssen, das kommt vom Fernweh, Nietzsche, hat er gesagt, vom Hunger nach einem Abenteuer, Nietzsche, hat er gesagt, und ich frage mich jetzt, warum machen wir das nicht einfach, auf'n Güterzug aufspringen und losfahren ...

Fernweh - ach Nietzsche, Schlauheit ist oft viel
nützlicher als reine Intelligenz, aber gepaart mit
Intelligenz ist sie kaum mehr zu übertreffen - wuwu,
aufaufauf ins Abenteuer, Nietzsche, wuwuwu - der
Güterbahnhof liegt nördlich - wuippi - was hast du
gesagt: wir springen auf und fahren - wir fahren
einfach los - wuwuwuuuuuuui - wir lassen uns fahren,
Nietzsche, wir lassen uns fahren -

und dann auf dem Zug erzählen wir uns Geschichten, Einstein, von Hunden und Menschen, aber sicher müssen wir jetzt noch vorsichtig sein, Schleichwege gehen, na, ich verlaß mich da ganz auf dich -

lass uns gehen - siehst du den Dicken dort vorn? - halt dich ganz dicht an meine linke Seite, es ist zwar
dunkel, aber man weiss ja nie und ich werde so tun, als ginge ich ganz locker bei Fuss - wuwuwu - niemand wird uns in Menschennähe vermuten - wenn wir nur schon aufgesprungen wären und führen, Nietzsche und uns Geschichten von Hunden und Menschen erzählten - siehst du, so geht es ganz gut, der Mensch hat uns noch nicht mal bemerkt - bleib an meiner Seite

fftfffttfft, der ist harmlos, das rieche ich, trotzdem fffftt, weiterschleichen, wir schaffen das Einstein, zu zweit schaffen wir das, glaub mir, wuff, glaub mir ...

wu, Nietzsche, ich glaube wir haben Glück, er riecht
nach Maschinenfett und Öl - vielleicht arbeitet er an
den Güterzügen - wup, die Richtung, die er geht,
stimmt - nur noch ein paar Hundert Meter -

Wenn wir dort sind, gehe ich voran, Einstein, ich kenne mich mit Güterwagen aus, weiß, welche nicht kontrolliert werden, weil Herrchen doch mal bei der Bahn gearbeitet hat, am besten wird ein Bremserhäuschen sein, die sind nicht mehr besetzt und zudem überdacht, na, wir werden sehn ...

fein, Nietzsche, ich kenne mich nur mit Erstklasswagen
aus; Güterwagen sagen mir rein gar nichts. Aber ich
vertraue dir, wuwuwu, noch zwanzig Meter - der Mann
geht ins Personalgebäude, sich umziehen, wir gehen
jetzt links - siehst du

Der Güterbahnhof lag direkt vor ihnen. Es herrschte ein ziemlicher Lärm, Bremsschuhe, auf die die Wagen aufliefen, kreischten, die Wagenpuffer knallten gegeneinander, Rangierarbeiter brüllten, pfiffen ihre Kommandos den Lokomotivführern zu. Der erfahrenere Nietzsche befahl Einstein, immer parallel zu den Schienen zu laufen, niemals schräg über die Gleise zu gehen, sonst könne es leicht passieren, daß sich einer die Pfoten quetsche. Auf Gleis acht wartete ein bereits fertig zusammengestellter Güterzug, Nietzsche entdeckte einen Wagen mit Bremserhäuschen, in das sie schnell hineinsprangen, da ruckte der Zug bereits an, beschleunigte langsam, wurde schneller, dann plötzlich wieder langsamer ...

Warum wird er jetzt langsamer? - meinst du, uns hat jemand bemerkt, Nietzsche.

Kein Grund zur Beunruhigung, Einstein, der Zug wird langsamer, weil er noch keine Ausfahrt hat, das Signal steht auf Rot, da vorne, siehst du, wahrscheinlich muß er einen Eurocity passieren lassen, Güterzüge kommen in der Rangfolge immer zuletzt, die haben Zeit, verstehst du? Ich bin jetzt nur noch gespannt, wohin uns dieser Zug bringt; in der Eile konnte ich die Wagenzettel nicht lesen, du vielleicht?

wu, das Aufspringen hat meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch genommen und du hattest doch die Führung - wuwu - es ist schön, so langsam zu fahren: man kann so vieles sehen und riechen - vielleicht fährt er in den hohen Norden oder lieber südwärts? wu...

Nietzsche hielt seine Schnauze kurz in den Fahrtwind und meinte: Momentan erschnüffle ich Südliches, wenn mich die Geruchserinnerung nicht trügt, Südöstliches, genauer gesagt, wir werden uns überraschen lassen. Wir springen einfach dort ab, wo es am besten riecht, was meinst du, und warm sollte es sein, Meeresnähe wär nicht schlecht, wir könnten Bruno am Atlantik besuchen, Brunito, da gibts lange Strände zum Rennen und die Menschenpolizei kümmert sich auch nicht um einen, vamos, wie der spanische Hund jetzt sagen würde ...

wuwu, südlich, wu, Wärme, Meer - und wumwum Fisch - meinst du, es macht etwas, dass ich kein Spanisch
kann - egun on, wu, weisst du vielleicht, was das
heisst, Nietzsche -

Wuff Einstein, egun on ist baskisch und heißt „Guten Tag“, aber in Spanien wird auch Deutsch gebellt, sogar Bruno versteht deutsch und die Fische aus dem Atlantik, Einstein, ein Gedicht, du wirst es schmecken, vorausgesetzt der Zug fährt wirklich in diese Richtung, mal riechen ...

danke, Nietzsche, das hab ich jetzt einfach wissen
müssen: Guten Tag gleich egun on, das werde ich nicht
mehr vergessen - meine Nase sagt mir: Süden. die
Strecke, die zum Atlantik führt, was weisst du darüber,
Nietzsche

Riecht so, als durchquerten wir die Schweiz, schnüffelte Nietzsche, dann müßte Frankreich kommen, vielleicht fährt der Zug gar durch Andorra, wo ich mal mit Max gewesen bin. Er hat damals gesagt, schau an, das also ist Andorra, eine Paßstraße rauf, eine Paßstraße runter, das war's.
Wir fuhren weiter nach Pamplona, wo diese bekannte Fiesta alljährlich stattfindet, Hemingway hat darüber geschrieben, berichtete Max, dann rauf nach San Sebastian, von dort sinds noch 150 Kilometer bis zum Bruno. In der Nähe verläuft auch der Jakobsweg, der bis nach Santiago de Compostela führt, den will Max seit Jahren mal ablaufen, nein, wie hat er gesagt? pilgern, richtig!, 600 Kilometer Selbsterfahrung, sagt er, hat es aber bislang nicht geschafft, weil Zeit und Geld, sagt er, das kostet Zeit und Geld, das er nicht hat. Andererseits, egal, wo wir hinkommen, Einstein ...

wu, Nietzsche, lieber Freund, das ist die Hauptsache -
aber was wird sein, wenn dieser Güterzug nicht nach
Frankreich, Andorra und Spanien fahren will,
Nietzsche?, daran muss ich denken. Schienen und
Güterzüge, Weichen und Signale, der Jakobsweg als
letzten Ausweg. - Nietzsche, Nietzsche, wir müssen uns auf die Weichen konzentrieren und auf die Signale, wir müssen dafür sorgen, dass der Güterzug Richtung Andorra fährt, die Signale und Weichen stellen, verstehst du,
wir können das...

Wir haben jede Möglichkeit, Einstein, auch wenn mir jetzt noch nicht ganz klar ist, wie wir Signale und Weichen für andere folgenlos stellen können,
du scheinst dich da besser auszukennen - aber wenn es Andorra sein soll, dann ist es Andorra ...

Nietzsche, sitz! Und hör mir mal zu ... ich versuche diese mail zu
schreiben, ohne zu wissen, wie sie dich erreichen soll, vielleicht fängt sie
ja ein netzhund auf und trägt sie dir zu, was weiß ich, ich versuche es mit
nietzsche@dogmail.com ...
Wie ich ja nun inzwischen weiß, bist du mit einem Hund namens Einstein
irgendwo unterwegs ... Ich vermute mal, du bist hier ausgerissen wegen der
Nachbarshunde, die nichts mit dir zu tun haben wollten, dann hast du
irgendwie diesen Einstein gefunden und mußtest natürlich sofort hin! O
Nietzsche, immer handelst du so spontan und unbedacht. Du bist ein Hund,
verstehst du, ein Hund! Und ein Hund reist nicht so einfach in der
Weltgeschichte herum. Du bist hier zuhause. Hier, hörst du! Wir machen uns
große Sorgen. Melde dich. Die ganze Nachbarschaft redet schon darüber, daß
ich einen Dachschaden habe. Und wenn ich's recht bedenke, habe ich auch
einen. Maile einem Hund ! ... einem Hund!

Max, wuff, Max, ich mache Sitz, du hast mich erreicht,
du bist gar nicht so dumm, wie manche Menschen manchmal
glauben. Max, Max, ich weiss, dass ich ein Hund bin und
das habe ich dem Professor Mammele in der SMS auch
gesagt wegen deiner seiner Meinung nach psychotischen
Neurose - aber der Mammele hat mir nicht geglaubt. Mit
dir ist jetzt wieder alles in Ordnung. Nach Hause,
jetzt? Maaaaax, wuffwuff, Einstein und ich fahren nach
Süden, glauben nach Süden zu fahren, aber wir beide, du
und ich, Max bleiben über die elektronische Post in
Kontakt und dann weisst du immer wie es mir geht.
Ein ganz liebes Wuff von deinem
Nietzsche

Gut, Nietzsche, braver, verrückter Hund. Nun bin ich einigermaßen beruhigt.
Sei so gut und richte Herrn - ich meine Hund Einstein einen Gruß aus.
Dein Max

Einstein wiegte bedächtig den Kopf.

Was hast du? fragte Nietzsche.

siehst du, Nietzsche, ich habe nur an uns gedacht, an
den Süden, den Fisch, wu, es liegt wohl an meinem
Namen: ich sehe ein Ziel und eine Möglichkeit und
verfolge das Ziel auf dem schnellsten Weg - ohne
Rücksicht auf Verluste. Wuwuwu, weisst du Nietzsche,
ich bin so froh, dass du da bist und mich auf die
Konsequenzen, die mein Tun für die andern hat,
aufmerksam machst, wuwu, es werden keine Signale
beeinflusst und keine Weichen verstellt - wir lassen
uns überraschen...

wuff, Einstein, wuffwuff, der Weg ist das Ziel, wie Herrchen sagen würde, der ein bißchen esoterisch-anthroposophisch angehaucht ist, wuff, wir entscheiden nach Geruch und Laune, wuff ...

Inzwischen hatte Nietzsche die Botschaft von Max gelesen und blickte etwas unglücklich drein. Ob ihm was fehle, wollte Einstein wissen, schlechte Nachrichten?

Max, wuff, Herrchen Max, winselte Nietzsche, aber kein Grund zur Beunruhigung. Immerhin denkt er noch an mich, wuff. Ob wir wohl den deinen auch eine Botschaft schicken sollten?
Wffmft, riecht es hier aber gut, hast du das auch gerochen? Ich glaube, es ist doch der Südosten, in den wir rumpeln. Warst du schon mal in Urlaub, Einstein? Wo?

Nett von deinem Max. wuwu, ich sende später auch eine SMS an Herrchen und Frauchen; sie vermissen mich bestimmt, schon weil ich Abend für Abend den Papierkorb leerte - und jetzt müssen sie das selbst. wuiu, es riecht fein nach Futter - bist du auch hungrig, Nietzsche?

...wuffwuff, wir könnten abspringen, sobald der Zug langsamer wird; ich sehe vorne ein rotes Signal, da könnten wir ... einverstanden?

Obwohl gerade Einstein bedauerte, daß der Zug wohl ohne sie weiter nach Süden rollen würde, führte an dem Absprung kein Weg vorbei, denn wenn Einstein Hunger hat, kann er sich nur darauf noch konzentrieren, alles andere verliert dabei an Bedeutung. Nietzsche sah das ein. Schließlich hatte auch er nichts gegen eine Zwischenmahlzeit einzuwenden. Als der Zug am roten Signal hielt, sprangen sie ab, liefen querfeldein, errochen bald Wasser, einen See vielleicht?

Was möchtest du essen, Einstein, Fisch oder Fleisch? Ich weiß, wie das zu bekommen ist.

Sie näherten sich einem Gartenlokal. Nietzsche erklärte, wie er an Fressen zu kommen gedenke:

Ich gehe zu den Leuten, die gerade am Essen sind, erklärte er mit gewichtiger Miene. Dann belle ich ein bißchen Aufmerksamkeit herbei. Dann mache ich Männchen und schlecke mir die Schnauze. Das finden die Menschen herzzereißend süß und werfen die Brocken zu. Ich hab sowas schon öfter gemacht. Meistens klappte es, manchmal kamen sogar die Köche und warfen mir ganze Steaks hin. Wollen wir?

FROM EINSTEIN to MARTEN & ELIZA

Bin unterwegs - stop - mit Nietzsche - in südlicher
Richtung - stop - bis jetzt ging alles gut - stop -
hoffe, ihr seid gesund - stop - Papierkorb nicht
leeren - stop - mach ich wenn ich - stop - wieder
daheim bin - stop - Polizei zurückpfeifen - stop -euer
Einstein

From Marten & Eliza to Einstein

wissen wir bereits - stop - papierkorb wird nicht geleert - stop - Polizei ist längst zurückgepfiffen - stop - macht euch ein paar schöne Tage - stop -
Marten und Elisa

Einstein indessen bevorzugte eine andere Taktik:

ich lege mich still neben den Tisch, sabbere nicht und lasse meine Augen sprechen, das bringt mehr als jedes Bellen - wuwu, mein Magen knurrt, geh voraus - ich dir nach

Könnte das immer noch die Schweiz sein oder doch schon Frankreich? wollte Nietzsche wissen. Auf dem Schild dort steht eindeutig etwas in Französisch. Und gleich vorne nach der nächsten Biegung muß das Restaurant sein.
Wie sind sie denn, die Schweizer, zu den Hunden? Eher geizig oder ...
Wuff, das riecht aber hervorragend, Einstein.
Deine Idee mit Nichtsabbern nur Daliegen und Augen sprechen lassen ist nicht schlecht, wirkt aber bei Ignoranten nicht. Die finden das eher lästig, womit ich jene meine, die mit Hunden nichts am Hut haben, wuff, wir werden sehen, welche Menschenkategorie wir antreffen, wuff, Restaurant au Lac heißt das, ein See, ich rieche ihn, pirschen wir uns ran, schnüffeln die Lage, Einstein, dein Magen knurrt jetzt so laut, daß er das Eisenbahngerumpel übertönen könnte, wuff, Einstein, hier kommen dir durch ...


wuwu, das ist Genf, Nietzsche, Elisa und Mattes lieben
diese Stadt. Da leben so viele verschiedene Nationen,
Menschen aller Hautfarben auf kleinstem Raum zusammen ohne dass sie einander grundlos die Köpfe einschlagen. Schau dir die Häuser an, sie sind so bunt und verwinkelt, als hätte Hundertwasser sie gebaut und die Menschen, die hier leben, sind sehr freundlich zu den Hunden. Siehst du die Frau dort drüben mit der grossen Tasche? - Sie trägt Fiffy, das vor Alter kaum mehr laufen kann, zum Pipimachen. Noch ein paar Schritt und wir sind im "Romana". Ist italienisch, die Küche französisch, die Kellner Ghanesen, die Gäste
multinational. Halt dich an mich, ich besorg dir einen
Tisch und einen zweiten für mich...

Wuff, wie gut, daß du dich auskennst, Einstein, schöne Häuser, wuff, viele Menschen, wuff, ich bin so große Städte nicht gewohnt, da halt ich mich gern an dich, wuffwuff, ich schnüffel mich noch zu Tode, so gut riecht es hier, französische Küche, nicht schlecht, wuff, halbgar gebratene Steaks, wuff, pommes, mal sehen, was wir ergattern können, - oh! siehst du diese Setterhündin dort drüben? Sie sieht dich die ganze Zeit an, Einstein, wuff, o, ich glaub, sie macht dir schöne Augen, wuff, Einstein, nicht daß du mir jetzt abhanden kommst, der Liebe wegen ... wuff wuff ...

nein, nein, Nietzsche, links von dir ist der riesige
Garten, der zum Romana gehört und da sind auch schon die Tische - haben wir ein Glück: die Menschen sind am Essen. Der vierte Tisch geradeaus ist der deine. Du machst dort ganz schön Platz, schaust zu den Menschen, es sind zwei ganz kleine dabei, auf - nicht bellen, Nietzsche. Platz - ich gehe weiter, kümmere dich nicht um mich, ich hab noch ein Rendevous - Bon Appetit

Und weg war er. Nietzsche sah ihm betroffen und etwas traurig zugleich nach, verstand aber, daß Einstein eine solche Gelegenheit nicht auslassen konnte, schließlich hat auch ein Hund seine allzuhundlichen Bedürfnisse. Etwas sarkastisch meinte Nietzsche für sich feststellen zu müssen, daß auch Hunde, sobald sie eine ihnen reizvoll erscheinende Hündin erblicken, nur an das eine denken.

Wenn das Max wüßte! lachte er und betrat den Garten des Restaurants...

Drei Stunden später war Einstein immer noch nicht wieder aufgetaucht. Nietzsche hatte sich unten am See etwas schlafen gelegt, das Essen war ihm nicht sonderlich bekommen und wütend war er auch, wie konnte ihn Einstein, der sich doch sein Freund nannte, bloß so lange warten lassen. Gerade, als er sich aufmachen wollte, die Reise alleine fortzusetzen, tauchte Einstein auf.

Wie schön, meinte der, dass du auf mich gewartet hast, Nietzsche, ich dachte schon, du seist abgehauen, über alle Berge.
Wie die Dunkelheit hereingebrochen ist, hast du das
gesehen? Und doch wird es in Genf nie wirklich finster,
da ist immer ein Lichtschein über der Stadt - auch noch um drei Uhr morgens. Ach, Nietzsche, die Frauen...

.... in fünf Minuten wäre ich gegangen; ich war nicht untätig, sondern habe einen Zug ausgespäht, der uns weiterbringt, er fährt bald ab, wir sollten
los ...


wu, tu jetzt bloss nicht so eingeschnappt, ist
schliesslich kein Treuebruch und kein Verstoss gegen
irgend welche Regeln - du suchst den Güterzug und
übernimmst wieder die Regie, äh, die Führung, denk
einfach an das, was wir abgemacht haben

Wff, würgte Nietzsche, ich bin nicht eingeschnappt, ich hab mir an den Rösti den Magen verdorben, wff, Scheißrösti, mußte schon zweimal kotzen, wobei das ganze andere gute Zeugs mit rausgekommen ist - allez-hopp - fertigmachen zur
Abfahrt ...

Sie mußten sich beeilen, denn der nächste Güterzug stand schon zur Abfahrt bereit, der Stationsvorsteher hatte die Kelle gehoben, pfiff ...

wu, Nietzsche, es tut mir leid; ich hätte dich nicht
alleine und Rösti essen lassen dürfen, ich bin ja
so ein Dödel, ein egoistischer für einen Augenblick
verliebter noch dazu, du kannst ja nicht wissen, dass
Rösti für uns viel zu fett ist und dann das Acrylamid -
hoffentlich schaffst du den Aufsprung - wu, ich
springe...


Ich versteh’s nicht, ich mag Rösti sehr, daheim hab ich’s schon etliche - und hopp! – Male gegessen, aber vielleicht waren die hier wirklich zu fett – na ja, das wird schon wieder, wuff. Willst du gar nicht wissen, was in der Stofftasche ist, die ich umhängen habe? Sie ist mir vom Chef des Restaurants geschenkt worden, er war recht nett, leider habe ich kein Wort verstanden, er ist Grieche, sagtest du?


wu, die Stofftasche - sie riecht so gut nach Fleisch
und Nudeln - ich will ja nicht schon wieder
rücksichtslos, aber dürfte ich nicht mal meine Schnauze da rein - wummm, schlropschlorp - ah, das tut gut, Nietzsche, und danke, dass du an mich gedacht hast, mach dir keine Sorgen ich spreche auch kein Wort Neugriechisch, schlorpschlorp...

Wuff, ja glaubst du, ich gehe in ein Restaurant und komme ohne Essen für dich raus?! Ich habe dein Magenknurren noch im Ohr. Außerdem dürftest du ja auch eine nicht geringe körperliche Anstrengung hinter dir haben, nicht wahr. Und jetzt hau ruhig rein ...

wua, es tut mir leid Nietzsche, ich habe nicht mit dir
geteilt und Teilen das ist gehört zur Freundschaft, du
bis wirklich ein Freund, Nietzsche, schlappschlapp,
danke

Macht nichts, Einstein, mir ist sowieso schlecht, macht nichts, wenn ich Hunger habe,
vergesse ich bisweilen auch, zu teilen, man schlappt das eben in sich rein und wundert sich, daß plötzlich nichts mehr da ist, wuff, außerdem macht mich das Schienengerumpel etwas schläfrig, wuaaaff -

wuwu, schlaapschlabber, schlaf ruhig, wenn ich gegessen habe, werde ich träumen, wua, von diesem wunderbaren Tag

Und morgen früh dürfen wir gespannt sein, wo wir sind ...

wuaaaaaaaaa, wo wir morgen wohl sein, was wir morgen fressen werden? Wuaehn, schlaf gut, Nietzsche

Es dauerte nicht lange, da waren beide eingeschlafen, unterstützt von dem gleichmäßigen Rumpeln über die Schienenstöße. Die Sonne stand bereits hoch am Himmel, als Nietzsche von eindeutigen, für Hunde in solcher Lage nicht unbedingt erfreulichen Geräuschen geweckt wurde. Er war sofort hellwach und bellte Einstein an.

Einstein, aufwachen, hörst du, wuffwuff, der Zug hat angehalten, Schritte, ich glaub es nähern sich Bahnarbeiter, Einstein, wach auf, wir müssen verschwinden, schnell ...

wuchch, strecken, dehnen, strecken - was hast du
gesagt? - o, wir müssen, himmelarsch - wusch, andere
Seite, Nietzsche, Schritte - wir springen...

Chchrr, knurrte Nietzsche noch im Sprung, ich mag das gar nicht, so aus dem Traum gerissen zu werden, ich hätte beinah ein Karnickel erwischt.
Er schnüffelte.
Riechst du das? Salz, ich rieche Salz, Einstein, das Meer?