Nietzsche in der Schweiz in Abschiebehaft
erdacht und geschrieben von Regula Erni & Hans Zengeler
Du hast mich aus einem wunderschönen Traum gerissen,
aber als ich wach war, habe ich sofort getan, worum du gebeten hast. Das ist
vielleicht ein Theater: die Grenzwächter beharren auf einem Reisepass und
einem Impfschein. Ausserdem behaupten die, du wärst ein Illegaler, einer,
der sich aus wirtschaftlichen Gründen um Asyl bewerben und uns Schweizerhunden
die Arbeit wegnehmen wolle. Ich habe sie an das Abkommen mit der EU erinnert,
aber auch da sagen sie: Nietzsche sei überzählig; das Kontingent ausgeschöpft
und Ausländer hätte es in der Schweiz eh viel zu viel. Die Grenzwächter
wollen dich sofort nach Hause spedieren lassen. Grad hab ich die Hundecaritas
informiert und alle
Tierschutzorganisationen, inkl. Animal Rights.
Ich hoffe auf die Hilfe von Animal Rights und dass du bald hier
eintriffst.
dein Einstein
Hallo Einstein,
ich telepathiere dieses in der Abschiebezelle - danke dir für deine Hilfe
- es heißt, ich finde Gehör - als ich gebellt habe, hier nicht arbeiten
zu wollen - nur einen freund wolle ich besuchen - mit ihm Rösti und Sahnegeschnetzeltes
essen - da haben sie gesagt, man werde sehen – bis hoffentlich bald
Dein Nietzsche
---fahre mit Animal Rights nach Basel---Ankunft ca.
20.00 Uhr---befreie dich aus der Abschiebehaft--- dein
Einstein
Nietzsche, ich bin nicht durchgekommen; es war ein
schönes Stück Arbeit, an den Computer zu kommen. Es ist mir gelungen,
meinen Freund Gringo - ein Rhodesian Ridgback - zu mobilisieren; er muss in
wenigen
Augenblicken bei dir eintreffen. Bitte befolge seine
Anweisungen.
Dein Einstein
Einstein, lieber, guter Freund,
ist es nicht der pure Wahnsinn, was wir veranstalten müssen, bloß
um uns mal sehen und miteinander herumtollen, miteinander richtig lange bellen
zu können? Du bist der größte, Einstein. Ich werde also tun,
was Gringo sagt.
Bis bald
Dein Nietzsche
Lieber Nietzsche
Das hat gedauert - heute morgen endlich konnte ich mich davon schleichen, unterwegs
habe ich dies und das aufgeschnappt, unter anderem erfahren, dass die
Hundefremdenpolizei dich ausgeschafft und Gringo in Haft
genommen hat. Verzweifelt habe ich nach einem
unbewachten PC gesucht...
Ich hoffe nun, dass es dir gelingt den beiden Schergen,
die dich begleiten, zu entkommen und nach B
zurückzukehren, während ich Gringo befreie.
Wuff, ich höre Schritte, rieche Mensch - da gibts nur
eines: abhauen.
Dein Freund Einstein,
der hofft, dich bald f2f
begrüssen zu dürfen
Ach, Einstein,
ich bin so glücklich, dich zum Freund zu haben. Was du alles unternimmst!
Du bist ein großer, großer und edler Hund. Gott sei Dank haben sie
meinen kleinen i-paq (den ich unter der Zunge trage) noch nicht entdeckt, so
kann ich mich zwischendurch immer mal wieder melden (z. B. wenn ich, wie gerade
jetzt, hinter einem Baum - du weißt schon). Die Leine ist nicht sehr fest,
ich habe schon ein wenig daran geknabbert. Mal sehn, ich denke an eine Überraschungsflucht,
zack und weg! unter den beiden riesigen Begleithunden hindurch, Karnickelhaken
schlagen, ab in den Wald, ich bin guter Dinge, daß wir uns in B. sehen
werden, vielleicht kennst du dort den idealen Ort?
Dein Dich verehrender Nietzsche
Wuwuwu, Nietzsche, ich habe einen Palm mit Bluetooth,
jetzt muss ich keine verwaisten PCs mehr suchen, um mit dir Kontakt aufzunehmen.
Dem Himmelseidank, in unserer Welt versteht sich PalmOS mit iPacMS.
Du sollst mich nicht in den Himmel loben, Nietzsche,
ich bin ein ganz normaler GoldenRetriever - naja,
vielleicht nicht ganz normal. Einer meiner Urgrossväter
väterlicherseits war Laborhund bei Genentech, einer
Firma in Kanada, die sich auf die Isolierung
menschlicher Gene und deren Einbau in das Retriever-Gen
spezialisiert hat. Mein Urgrossvater - das ist eine
lange Geschichte - konnte fliehen und das FBI und der
CIA haben ihn verfolgt. Er konnte entkommen. Wouou, die Verfolger sind mir auf
der Spur. Wir treffen uns, wenn du nichts mehr von mir hörst, im Basler
Münster
dein Einstein
wuff Einstein wuff , ich muß flüstermailen, bin ihnen entwischt,
habe einen Setter getroffen, der mir den Weg gezeigt hat... sie schnüffeln
mir aber immer noch nach ... diese Doggen sind so entsetzlich groß ...
sucht den Bastard ... höre ich ... aber dann denke ich an dich ... du bist
ja auch stark ... und ich listig ... Basler Münster ... bald ... Dein Nietzsche
Nietzsche, mein Freund, ich hoffe, dass du bald hier
eintriffst. Ich darf dir versichern: hier lauert keine
Gefahr. Der Pfarrer wird dir Kirchenasyl zusichern; CIA
und FBI wird der Zutritt zur Kirche verweigert. Der
Siegrist lässt die östliche Tür - nicht das Tor - einen
Spalt breit offen, damit du herein kommen kannst. Folge
einfach dem Ruf: Advent, Advent...
von deinem Freund
Einstein
Wu Einstein, grüezi, amigo mio, wenn du wüßtest:
ich bin höchstens hundert Meter von dir entfernt, kann dich schon riechen,
du mich auch? Vorhin hätte es beinahe noch einen Zwischenfall gegeben:
ein Dobermann. Der sah mich an, als hätte er noch nichts zum Frühstück
bekommen. Knurrte erst ein wenig, dann immer heftiger, zerrte an der Leine,
sein Herrchen, ein bleichgesichtiger, spindeldürrer Mensch paßte
Gott sei Dank auf. Der Dobermann ärgerte sich furchtbar und setzte mir
infolgedessen einen Haufen fast direkt vor die Nase (ich lauerte hinter einem
Gebüsch, weißt du) und knurrte: Auf solche Penner wie dich haben
wir in der Schweiz gerade gewartet.
Wuff, Einstein, so ist das. Es gibt auch regelrechte Hundemenschen. Als könnte
uns eine Grenze daran hindern, uns zu sehen! Diese Schweiz, Einstein, tut ja
so, als wäre sie ganz weit weg von allem, ganz weit draußen.
Um die Schweiz herum kannst du problemlos reisen, ohne Kontrollen, praktisch
von Paris bis Warschau, von Hammerfest bis Sizilien, aber die Schweiz! Richtige
Grenze, richtige Polizei, richtige Kontrollen, anderes Geld. Was kümmert
das uns? Ich bin bis auf 50 Meter heran, maile im Schleichen, rieche dich jetzt
ganz deutlich, höre schon die Parole, folge ihr, Einstein, höre dich,
gleich, Einstein, bester aller Freunde ...
Dein Nietzsche
Und so kam es, daß die beiden Hundfreunde zum ersten Mal aufeinandertrafen:
wu, schön, dass du es bis hierher geschafft hast, mein
Freund, Nietzsche. Mhm, ich meine, dich zu riechen.
Sicherheitshalber habe zwei Retriever-Weibchen gebeten,
die Dobermänner und Rottweiler von deiner Spur
abzulenken. Sei achtsam und folge nicht der Spur der
Retrieverfrauen.
Wouwou, wenn ich ins Ausland reise, komme ich mir
jedesmal wie einer, der unter Tollwutverdacht steht,
vor: alle dürfen ihr Gepäck vom Band nehmen, die
Flughallen verlassen und sich in die Büsche schlagen,
nur ich muss mich vor einen Schalter stellen, warten
bis der Schäfer Zeit hat, sich meine Ausweise
anzugucken.
Wuwuwuw, du bist vor der Tür...
gleich fallen wir einander in die Pfoten
dein Freund Einstein
Hallo Einstein, mein Freund, endlich - meine Güte, bist
du groß! Ich freu mich so -
Ich kann gar nicht sagen, wie ich mich freu - So groß bist du, da kann
ich mich drunterstellen - wuff einstein wuff wuff ----
Copyright © 2004 by the authors Regula Erni & Hans Zengeler ->Copyrightschlacht<- {nach oben} {NEXT}
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