Die Schweiz - ein Gefängnis
Rede von Friedrich Dürrenmatt auf Vaclav Havel zur Verleihung des Gottlieb-Duttweilers-Preises am 22. November 1990
Sehr geehrter Herr Staatspräsident, lieber Vaclav Havel,
An der Protestveranstaltung, die 1968 im Basler Stadttheater gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauerpakts in die Tschechoslowakei stattfand, nahm auch ich teil und schloss meine Ansprache mit den Worten: In der Tschechoslowakei verlor die menschliche Freiheit in ihrem Kampf um eine gerechtere Welt eine Schlacht, doch nicht den Krieg: Der Krieg gegen die Dogmatiker der Gewalt geht weiter, mögen sie nun die Maske des Kommunismus, des Ultrakommunismus oder jene der Demokratie tragen. Wie dieser Kampf im Notfall in einem technisch entwickelten Lande zu führen ist, wo es kein Ausweichen in den Dschungel gibt, zeigt uns das tschechoslowakische Volk, das, um zu überleben, seine Armee nicht einsetzt und nicht Nibelungen spielt und dennoch durch seinen gewaltlosen Widerstand ein Machtsystem erschüttert, tödlicher vielleicht, als wir zu ahnen vermögen.
Mehr als zwanzig Jahre sind seitdem vergangen. In Vietnam verloren
die Vereinigten Staaten nicht nur den Krieg, auch die Ehre.
Die Macht der Dogmatiker in Osteuropa ist zusammengebrochen, die waffenstarrenden
Militärblöcke beider Seiten sind nutzlos geworden, ihr gegenseitiges
Feindbild ist verlorengegangen, die beiden Supermächte werden in steigendem
Masse nicht miteinander, sondern mit sich selber konfrontiert, der gewaltlose
Widerstand fand in Ihnen, lieber Havel, seinen Repräsentanten, die Tschechosowakei
ihren Staatspräsidenten. Sie empfingen hier den Gottlieb-Duttweiler-Preis,
den Preis eines Mannes, der in der Schweiz ebenso populär wie umstritten
war, der sein Grossunternehmen in eine Genossenschaft umwandelte und eine Partei
gründete, die zu den wenigen Parteien zählt, die in der Schweiz noch
zur Opposition gezählt werden können, wobei wir freilich vorsichtig
sein müssen, gibt es doch hierzulande sogar eine Autopartei, die im Auto
das heilige Symbol der Freiheit sieht und sich als Oppositionspartei betrachtet.
Sie, lieber Havel, haben den Preis, wie es in der Begründung heisst, dafür
erhalten, weil Ihr Name für Zivilcourage, Ehrlichkeit und Toleranz gegenüber
anderen Auffassungen steht, für die unerlässliche Grundlage einer
freien Entfaltung des Individuums in einem demokratischen Staat. Ein schöner
Preis, ein schweizerischer Preis, aber irgendwie unumkehrbar. Ich kann mir nicht
vorstellen, dass Sie einem schweizerischen Dienstverweigerer einen Vaclav-Havel-Preis
verleihen würden für Zivilcourage, Ehrlichkeit und - nun stutz' ich
schon - inwiefern waren Sie dem Regime gegenüber, gegen das Sie protestierten,
tolerant? Wohl nur, indem Sie die Möglichkeit, sich ins Ausland abzusetzen,
ablehnten und die Strafe auf sich nahmen und ins Gefängnis gingen. Dadurch
erreichten Sie den Sturz eines Regimes, während unsere Dienstverweigerer
... - wir Schweizer sind nun einmal ein kriegerisches Volk, das seit fast zweihundert
Jahr nie angegriffen wurde, aber sich verteidigen würde, würde es
angegriffen, und zum Beweis, dass es sich verteidigen würde, wirft es diejenigen
ins Gefängnis, welche die Zivilcourage und die Ehrlichkeit haben zu erklären,
sich unter keinen Umständen verteidigen zu wollen, würden sie angegriffen.
Eine Milderung findet nur statt, ist nach der Meinung des Militärgerichts
eine religiöse Neigung im Spiel, aber ist die Überzeugung gar politisch
wie es Ihre war, lieber Havel , dann fällt in der Schweiz
auf den politischen Dienstverweigerer die ganze Strenge des Gerichts, wie es
auf Sie in der Tschechoslowakei fiel. So sind denn unsere Dienstverweigerer
die schweizerischen Dissidenten. Sie erreichten bisher nichts. Nun, ich will
als Schweizer militärisch nicht auftrumpfen, die Hussitenkriege unter dem
blinden Feldherrn Zizka brachten Europa ins Schlottern, zugegeben, aber schon
mehr als hundert Jahre bevor Hus in Gottlieben eingekerkert und in Konstanz
verbrannt wurde, besiegte der Aargauer Rudolf von Habsburg am 28. August 1278
bei Dürnkrut auf dem Marchfeld mit seinen Schweizern König Ottokar
den Zweiten von Böhmen, das 1526 für fast vierhundert Jahre endgültig
unter die Herrschaft der Habsburger fiel, der erfolgreichsten Auslandschweizerfamilie,
gegen deren Rückkehr ins Heimatland wir uns siegreich gewehrt hatten -
man denke nur an Morgarten und Sempach. Leitete der Zusammenbruch der alten
Eidgenossenschaft 1798 die Entstehung der neuen Eidgenossenschaft ein, so ging
aus dem Ersten Weltkrieg 1918 die moderne Tschechoslowakei hervor. Beide Staaten
sind Resultate einer Niederlage. Wir der eigenen, die Tschechoslowakei jener
von Österreich-Ungarn. Dann kam Hitler. Im Berner Münster fand ein
Dankgottesdienst statt, als die Grossmächte 1938 die Tschechoslowakei im
Stich liessen. Diese wehrte sich nicht, das Sudetenland wurde besetzt und wenig
später die Tschechei in ein Protektorat und die Slowakei in einen Vasallenstaat
verwandelt. Die Frage stellt sich, ob die Schweiz sich in gleicher Lage gewehrt
hätte. Die Frage ist unbeantwortbar. Sie kam nie in diese Lage. Sie war
für die Tschechen katastrophal, man denke nur an Lidice - sie mussten für
Hitler arbeiten, und die Juden wurden vergast. Wir wurden nicht angegriffen,
mussten jedoch auch für Hitler arbeiten, und die Juden, die wir an der
Grenze zurückwiesen, wurden auch vergast. Nach dem Krieg fiel die Tschechoslowakei
Stalin zum Opfer und der Politik seiner Nachfolger, nach der DDR und Ungarn
wurde auch in diesem Land der Versuch, den Kommunismus menschlich zu gestalten
und zu reformieren, gewaltsam verhindert. Sie, Vaclav Havel, schrieben darüber
in Ihrem Essay Ereignis und Totalität: In den fünfziger Jahren gab
es in unserem Land riesige Konzentrationslager und darin Zehntausende unschuldiger
Menschen. Auf den Baustellen der Jugend drängten sich dabei Zehntausende
von Begeisterten des Neuen Glaubens und sangen Aufbaulieder. Es wurde gefoltert
und hingerichtet, dramatisch über die Grenze geflohen, konspiriert - und
zugleich Feiergedichte auf den Haupt-Diktator geschrieben. Der Präsident
der Republik unterschrieb die Todesurteile seiner nächsten Freunde, doch
war es eigenartigerweise möglich, ihm hin und wieder auf der Strasse zu
begegnen. Der Gesang der Idealisten und Fanatiker, das Toben der politischen
Verbrecher und Leiden der Helden gehört seit Menschengedenken zur Geschichte.
Die fünfziger Jahre waren zwar eine böse Zeit, doch solche hat es
in der Menschheitsgeschichte häufig gegeben. Immer noch konnte man sie
diesen Zeiten zuordnen oder zumindest mit ihnen vergleichen; immer noch erinnerten
sie irgendwie an Geschichte. Ich würde nicht wagen zu behaupten, in dieser
Zeit sei nichts geschehen oder sie habe das Ereignis nicht gekannt. Das grundlegende
programmatische Dokument der politischen Macht, die nach der sowjetischen Invasion
im Jahre 1968 in der Tschechoslowakei installiert wurde, hiess "Belehrung
aus den Krisenjahren". Darin war etwas Symbolisches: Diese Macht hat sich
wirklich belehrt. Sie hat gemerkt, wohin es führen kann, wenn der Pluralität
der Ansichten und Interessen das Tor auch nur einen Spaltbreit geöffnet
wird: zur Bedrohung ihres totalitären Wesens selbst. So belehrt, verzichtete
sie auf alles ausser der Erhaltung ihrer selbst: Alle Mechanismen der direkten
und indirekten Manipulation des Lebens begannen in einer Art Eigendynamik sich
in bisher ungekannte Formen auszuwachsen; nichts durfte mehr dem Zufall überlassen
bleiben. Die letzten neunzehn Jahre in der Tschechoslowakei können fast
als Schulbeispiel für ein ausgereiftes oder spättotalitäres System
dienen: revolutionäres Ethos und Terror wurden abgelöst von dumpfer
Unbeweglichkeit, alibistischer Vorsicht, bürokratischer Anonymität
und geistlosem Stereotyp, deren einziger Sinn darin besteht, immer vollkommener
zu dem zu werden, was sie sind. Der Gesang der Begeisterten und das Klagen der
Gefolterten sind verklungen; die Rechtlosigkeit hat sich Seidenhandschuhe angezogen
und ist aus den berüchtigten Folterkammern umgezogen in die gepolsterten
Büros der Bürokraten. Den Präsidenten der Republik kann man höchstens
einmal hinter den Panzerglasscheiben seines Autos erblicken, wenn er, umgeben
von einem Polizeikonvoi, zum Flugplatz rast, um Oberst Ghadafi willkommen zu
heissen. Das spättotalitäre System stützt sich auf so raffinierte,
komplexe und mächtige Manipulationsinstrumente, dass es Mörder und
Ermordete nicht nötig hat. Um so weniger benötigt es eifernde Erbauer
von Utopien, die mit ihren Träumen von einer besseren Zukunft Unruhe stiften.
Der Begriff "real existierender Sozialismus", den sich diese Ära
für sich selbst ausgedacht hat, deutet an, für wen darin kein Platz
ist: für Träumer. Und wenn Sie, Vaclav Havel, nun als Staatspräsident
in Ihrer Neujahrsansprache 1990 auf den Inhalt Ihrer Träume näher
eingingen und ausführten: Vielleicht werden Sie fragen, von welcher Republik
ich träume. Ich antworte Ihnen: von einer selbständigen, freien, demokratischen,
wirtschaftlich prosperierenden und zugleich sozial gerechten Republik, kurz
gesagt von einer menschlichen Republik, die dem Menschen dient und deshalb die
Hoffnung hat, dass der Mensch auch ihr dienen wird. Von einer Republik allseitig
gebildeter Menschen, weil ohne sie keines unserer Probleme gelöst werden
kann, sei es menschlich, ökonomisch, ökologisch, sozial oder politisch,
so träumen viele Schweizer, dass sie in einer solchen Republik leben, gewissermassen
im Traum, den Sie, Vaclav Havel, träumen. Doch die Wirklichkeit, in der
die Schweizer träumen, ist anders. Als Dramatiker, lieber Vaclav Havel,
haben Sie die Wirklichkeit, in der Sie gelebt haben, bevor der politische Dogmatismus
zusammenbrach, in Bühnenstücken dargestellt, die viele Kritiker zum
absurden Theater zählen. Für mich sind diese Stücke nicht absurd,
nicht sinnlos, sondern tragische Grotesken, ist doch das Groteske der Ausdruck
der Paradoxie, der Widersinnigkeit, die entsteht, wenn eine an und für
sich vernünftige Idee, wie sie der Kommunismus darstellt - lässt sich
eine gerechtere Gesellschaftsordnung denken? -, in die Wirklichkeit verpflanzt
wird - auch das Urchristentum war schliesslich kommunistisch, und was ist aus
dem Christentum geworden? Durch den Menschen wird alles paradox, verwandelt
sich der Sinn in Widersinn, Gerechtigkeit in Ungerechtigkeit, Freiheit in Unfreiheit,
weil der Mensch selber ein Paradoxon ist, eine irrationale Rationalität.
So lässt sich Ihren tragischen Grotesken auch die Schweiz als Groteske
gegenüberstellen: als ein Gefängnis, als ein freilich ziemlich anderes,
als es die Gefängnisse waren, in die Sie geworfen wurden, lieber Havel,
als ein Gefängnis, wohinein sich die Schweizer geflüchtet haben. Weil
alles ausserhalb des Gefängnisses übereinander herfiel und weil sie
nur im Gefängnis sicher sind, nicht überfallen zu werden, fühlen
sich die Schweizer frei, freier als alle andern Menschen, frei als Gefangene
im Gefängnis ihrer Neutralität. Es gibt nur eine Schwierigkeit für
dieses Gefängnis, nämlich die, zu beweisen, dass es kein Gefängnis
ist, sondern ein Hort der Freiheit, ist doch, von aussen gesehen, ein Gefängnis
ein Gefängnis und seine Insassen Gefangene, und wer gefangen ist, ist nicht
frei: Als frei gelten für die Aussenwelt nur die Wärter, denn wären
diese nicht frei, wären sie ja Gefangene. Um diesen Widerspruch zu lösen,
führten die Gefangenen die allgemeine Wärterpflicht ein: Jeder Gefangene
beweist, indem er sein eigener Wärter ist, seine Freiheit. Der Schweizer
hat damit den dialektischen Vorteil, dass er gleichzeitig frei, Gefangener und
Wärter ist. Das Gefängnis braucht keine Mauern, weil seine Gefangenen
Wärter sind und sich selber bewachen, und weil die Wärter freie Menschen
sind, machen sie auch unter sich und mit der ganzen Welt Geschäfte, und
wie! und weil sie wiederum Gefangene sind, können sie nicht der UNO beitreten,
und die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft bereitet ihnen Sorgen. Wer
dialektisch lebt, kommt in psychologische Schwierigkeiten. Weil auch die Wärter
Gefangene sind, kann unter ihnen der Verdacht aufkommen, sie seien Gefangene
und nicht Wärter oder gar frei, weshalb die Gefängnisverwaltung Akten
von jedem anlegen liess, von dem sie vermutete, er fühle sich gefangen
und nicht frei, und weil sie das bei vielen vermutete, legte sie einen Aktenberg
an, der sich, je weiter man forschte, als ein ganzes Aktengebirge erwies, hinter
jedem Aktenberg tauchte ein neuer auf. Aber weil das Aktengebirge nur im Fall
verwendet werden sollte, wenn das Gefängnis angegriffen würde, und
da es nie angegriffen wurde, fühlten sich die Wärter, als sie von
den Akten erfuhren, die über sie erstellt worden waren, plötzlich
als Gefangene und nicht frei, sie fühlten sich so, wie die Gefängnisverwaltung
nicht wollte, dass sie sich fühlten. Um sich aber wieder frei fühlen
zu können und als Wärter und nicht gefangen, verlangten die Gefangenen
von der Gefängnisverwaltung Aufschluss darüber, wer die Akten angelegt
hatte. Aber da das Aktengebirge so gewaltig ist, kam die Gefängnisverwaltung
zum Entschluss, dass es sich selber angelegt hat. Wo alle verantwortlich sind,
ist niemand verantwortlich. Die Furcht, im Gefängnis nicht sicher zu sein,
hat das Aktengebirge hervorgebracht. Die Furcht ist nicht unbegründet.
Wer möchte in einem Gefängnis, worin man frei ist, nicht Gefangener
sein, und so ist das Gefängnis eine Weltattraktion geworden, viele versuchen
Gefangene zu werden, was sie dürfen, wenn sie über die nötigen
Mittel verfügen, die Freiheit ist schliesslich etwas Kostbares, während
die Unbemittelten womöglich im Gefängnis jene Sicherheit suchen könnten,
die nur den freien Gefangenen zusteht, und wieder werden viele zurückgewiesen.
Die Gefängnisverwaltung ist nicht zu beneiden. Einerseits gibt es zuwenig
Gefangene, um das Gefängnis sauber zu halten, die Luxuszellen, die Korridore,
ja um die Gitter zu putzen, so dass von aussen solche ins Gefängnis gelassen
werden müssen, die, bloss um Geld zu verdienen, das Gefängnis renovieren,
restaurieren, umbauen und in Gang halten, auf die wiederum jene Gefangenen,
die zwar auch Geld verdienen, aber sind, wie auf Gefangene hinunterblicken,
die nicht frei sind. Andererseits muss jedes Gefängnis etwas bewachen,
aber wenn die Gefangenen als Wärter sich selber bewachen, geht der Verdacht
um, dass die Wärter noch etwas anderes bewachen als sich selber, weshalb
die Meinung immer stärker wird, der eigentliche Sinn des Gefängnisses
liege nicht darin, die Freiheit der Gefangenen, sondern das Bankgeheimnis zu
bewachen. Wie es auch sei, das Gefängnis prosperiert, und seine Geschäfte
sind mit den Geschäften ausserhalb seiner derart verfilzt, dass nach und
nach Zweifel aufkommen, ob das Gefängnis überhaupt noch existiert,
es ist ein Phantomgefängnis geworden. Um seine und damit ihre Realität
zu beweisen, gibt die Gefängnisverwaltung für die Wärter, die
ihre eigenen Gefangenen sind, Milliarden von Schweizerfranken für immer
modernere Waffen aus, die wieder veralten und wieder neue nötig machen,
ohngeachtet der Wahrscheinlichkeit, dass ein Krieg den Untergang dessen bedeuten
würde, was sie zu verteidigen sucht. Sie leistet sich die Utopie, die Strategie
der Nibelungen gewähre in einer technischer Welt der anwachsenden Katastrophenanfälligkeit
eine absolute Sicherheit, statt zur Einsicht zu gelangen, gerade das Gefängnis
Schweiz könne sich die Kühnheit leisten, seine Wärter abzuschaffen
im Vertrauen darauf, seine Gefangenen seien nicht Gefangene, sondern frei, was
freilich bedeuten würde, dass die Schweiz kein Gefängnis mehr wäre,
sondern ein Teil Europas, eine seiner Regionen, wie ja überhaupt Europa
trotz des Schocks der deutschen Vereinigung in seine Regionen zu zerfallen beginnt.
So ist denn das Gefängnis in Verruf geraten. Es zweifelt an sich selber.
Die Gefängnisverwaltung, die alles gesetzlich zu regeln versucht, behauptet,
das Gefängnis befinde sich in keiner Krise, die Gefangenen seien frei,
insofern sie echte gefängnisverwaltungstreue Gefangene seien, während
viele Gefangene der Meinung sind, das Gefängnis befinde sich in einer Krise,
weil die Gefangenen nicht frei seien, sondern Gefangene, eine interne Gefängnisdiskussion,
die nur Verwirrung stiftet, weil die Gefängnisverwaltung sich anschickt,
die angebliche Gefängnisgründung vor siebenhundert Jahren zu feiern,
wenn auch damals das Gefängnis kein Gefängnis war, sondern ein gefürchtetes
Raubnest. Nun wissen wir nicht, was wir feiern sollen, das Gefängnis oder
die Freiheit. Feiern wir das Gefängnis, fühlen sich die Gefangenen
gefangen, und feiern wir die Freiheit, so wird das Gefängnis überflüssig.
Weil wir aber nicht ohne Gefängnis zu leben wagen, werden wir wieder einmal
unsere Unabhängigkeit feiern, denn im unabhängigen Gefängnis
unserer Neutralität ist es von aussen für niemand auszumachen, ob
wir gefangen oder frei sind. Kriege und Okkupationen können überstanden
werden, wenn auch unter grossen Opfern, die ich keinem wünsche, aber Ihr
Land, und nicht zuletzt Sie, lieber Havel, haben es bewiesen, während wir
Schweizer mit einem Widerstand, der nicht geprüft wurde, nichts bewiesen
haben und beweisen. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, lieber Havel,
das mich befiel, als ich an dieser Rede schrieb, und das mich nun befällt,
während ich sie halte. Es ist viel Verlegenheit in diesem Gefühl,
denn allzu leicht können Sie nun als Beweis missbraucht werden, dass unsere
westliche Welt in Ordnung sei, dass es nichts Grösseres gebe als die Freiheit.
Man unterschlägt allzugern, was Sie in Ihrem Essay Versuch, in der Wahrheit
zu leben geschrieben haben: Es sieht nicht so aus, als ob die traditionellen
parlamentarischen Demokratien ein Rezept zu bieten hätten, wie man sich
grundsätzlich der "Eigenbewegung" der technischen Zivilisation,
der Industrie- und Konsumgesellschaft widersetzen könnte. Auch sie befinden
sich in ihrem Schlepptau und sind ihr gegenüber ratlos. Nur ist die Art,
wie sie den Menschen manipulieren, unendlich feiner und raffinierter als die
brutale Art des posttotalitären Systems. Aber dieser ganze statische Komplex
der erstarrten, konzeptionslosen und politisch nur noch zweckbedingt handelnden
politischen Massenparteien, die von professionellen Apparaten beherrscht werden
und den Bürger von jeglicher konkreten und persönlichen Verantwortung
entbinden, diese ganzen komplizierten Strukturen der versteckt manipulierenden
und expansiven Zentren der Kumulation des Kapitals, dieses allgegenwärtige
Diktat des Konsums, der Produktion, der Werbung, des Kommerzes, der Konsumkultur,
diese ganze Informationsflut - all dies, schon so oft analysiert und beschrieben,
kann man wahrhaftig nur schwer als eine Perspektive, als einen Weg betrachten,
auf dem der Mensch wieder zu sich selbst findet. Es tut gut, sich diese Sätze
über unsere westliche Freiheit genau einzuprägen, um so mehr, als
sie aus dem Kerker des dogmatischen realexistierenden Sozialismus kommen. Gewiss,
wir rühmen uns unserer direkten Demokratie, gewiss, wir haben die Alters-
und Hinterbliebenenversicherung und sogar das Frauenstimmrecht zur Verwunderung
der Welt doch noch eingeführt, und privat sind wir versichert gegen Tod,
Krankheit, Unfall, Einbruch und Brand: wohl dem, dessen Haus abbrennt. Die Politik
hat sich auch bei uns aus der Ideologie in die Wirtschaft verzogen, ihre Fragen
sind wirtschaftliche Fragen. Wo darf der Staat eingreifen, wo nicht, wo subventionieren,
wo nicht, was besteuern, was nicht? Die Löhne, die Freizeit werden durch
Verhandlungen bestimmt. Der Friede droht gefährlicher zu werden als der
Krieg. Ein grausamer, aber kein zynischer Satz. Unsere Strassen sind Schlachtfelder,
unsere Atmosphäre den Giftgasen ausgesetzt, unsere Ozeane Ölpfützen,
unsere Äcker von Pestiziden verseucht, die Dritte Welt geplündert
schlimmer noch als einst das Morgenland von den Kreuzrittern, kein Wunder, dass
es uns jetzt erpresst. Nicht der Krieg, der Friede ist der Vater aller Dinge,
der Krieg entsteht aus dem nicht bewältigten Frieden. Der Friede ist das
Problem, das wir zu lösen haben. Der Friede hat die fatale Eigenschaft,
dass er den Krieg integriert. Die Antriebskraft der freien Marktwirtschaft ist
der Konkurrenzkampf, der Wirtschaftskrieg, der Krieg um Absatzmärkte. Die
Menschheit explodiert wie das Weltall, worin wir leben, wir wissen nicht, wie
es sein wird, wenn zehn Milliarden Menschen die Erde bewohnen. Die freie Marktwirtschaft
funktioniert unter dem Primat der Freiheit, vielleicht wird dann die Planwirtschaft
unter dem Primat der Gerechtigkeit funktionieren. Vielleicht kam das Experiment
Marxismus zu früh. Was kann der Einzelne tun? Was also nun? fragen auch
Sie, Vaclav Havel. Der Einzelne ist ein existentieller Begriff, der Staat, die
Institutionen, die Wirtschaftsformen allgemeine Begriffe. Die Politik hat es
mit dem Allgemeinen, nicht mit dem Existentiellen zu tun, aber muss sich an
den Einzelnen wenden, um wirksam zu werden. Der Mensch ist mehr irrational als
rational, seine Emotionen wirken auf ihn stärker als seine Ratio. Das nützt
die Politik aus. Nur so ist der Siegeszug der Ideologien in unserem Jahrhundert
zu erklären, das Appellieren an die Vernunft ist wirkungslos, besonders
wenn eine totalitäre Ideologie die Maske der Vernunft trägt. Der Einzelne
muss zwischen dem Menschenunmöglichen und dem Menschenmöglichen unterscheiden.
Die Gesellschaft kann nie gerecht, frei, sozial sein, sondern nur gerechter,
freier, sozialer werden. Was der Einzelne fordern darf und nicht nur darf, sondern
auch muss, ist das, was Sie gefordert haben, Vaclav Havel, die Menschenrechte,
das tägliche Brot für jeden, die Gleichheit vor dem Gesetz, Meinungsfreiheit,
Versammlungsfreiheit, Transparenz, die Abschaffung der Folter usw., all das
sind keine Utopien, sondern Selbstverständlichkeiten, Attribute des Menschen,
Zeichen seiner Würde, Rechte, die den Einzelnen nicht vergewaltigen, sondern
sein Zusammenleben mit den andern Einzelnen ermöglichen, Rechte als Ausdruck
der Toleranz, Verkehrsregeln, um es grob zu sagen. Allein die Menschenrechte
sind existentielle Rechte, jede ideologische Revolution zielt auf deren Abschaffung
und fordert einen neuen Menschen. Wer hat ihn nicht schon gefordert.
Lieber Vaclav Havel, Ihre Aufgabe als Staatspräsident fällt mit der Aufgabe Vaclav Havels als Dissident zusammen. Sehr geehrter Herr Staatspräsident, Sie sind hier unter Schweizern, Schweizer haben Sie begrüsst, der schweizerische Bundespräsident hat Sie empfangen, ein schweizerischer Alt-Bundesrat die Laudatio gehalten, und ich, ein Schweizer, habe auch geredet, denn man redet viel in der Schweiz. Was sind wir Schweizer für Menschen? Vom Schicksal verschont zu werden ist weder Schande noch Ruhm, aber es ist ein Menetekel. Platon erzählt gegen Ende seiner Politeia, dass nach dem Tode die Seele eines jeden das Los zu einem neue Leben wählen müsse: Zufällig aber habe die Seele des Odysseus das allerletzte Los erhalten und sei nun herangetreten, um zu wählen. Da sie aber in Erinnerung an ihre früheren Mühsale allen Ehrgeiz aufgegeben hatte, sei sie lange Zeit herumgegangen und habe das Leben eines zurückgezogenen, geruhsamen Mannes gesucht und gerade noch irgendwo eines gefunden, das die anderen unbeachtet hatten liegenlassen. Und als sie dies entdeckt hatte, habe sie gesagt, sie würde ebenso gehandelt haben, wenn sie das erste Los bekommen hätte, und habe es mit Freude gewählt. Ich bin sicher, Odysseus wählte das Los, ein Schweizer zu sein.
22. November 1990 FD
| Home | | Friedrich
Dürrenmatt |