Freiheit
Romane und Drehbücher spielen zwischen den
Welten, im Grenzland zwischen Wirklichkeit und Dichtung, zwischen Realität
und Fiktion.
Die Luft riecht nach Zimt und Vanille. Alles schmeckt
nach Freiheit. Ich greife mir ein Haus aus dem Villenviertel und werfe
dessen Bewohner kurzerhand auf die Strasse. Meine Figuren, eine nach der
andern mit Zügen ausgestattet und je einem Lebenslauf, besetzen das
Haus, bevölkern die Zimmer...
Die Sonne bringt den Asphalt zum Schmelzen - die
Handlung verlangt nach Winter, nach klaren Nächten, nach Frost, Eis
und Schnee. Also lasse ich die Hitze verschwinden, Nordwind kommt auf.
Meine Figuren stemmen sich gegen den eisigen Wind, ziehen die Hälse
ein, schlagen die Mantelkrägen hoch, schieben ihre klammen Hände
in die Taschen warmer Mäntel und beeilen sich, die Hallen der Universität
zu erreichen. Wer hat sich diesen Neubau ausgedacht, wer ihn an einem
schier unerreichbaren Platz realisiert? - Ich versetze ihn glatt ans andere
Ende der Stadt auf einen sanften Hügel. Das Versuchslabor ist, obwohl
erst zehn Jahre alt, schon wieder veraltet, für meine Zwecke ungeeignet.
Im Hinterkopf nur die Zukunft wird ohne Rücksicht auf den gegenwärtigen
Stand der Labortechnik das neueste gebaut und sofort belegt.
Das, was im Buch zu lesen und im Film sichtbar
sein wird, muss den Expertisen von Zukunftsforschern stand halten, muss
somit im Bereich des Möglichen liegen. Was im Buch, im Film geschieht,
ist bis heute in Wirklichkeit zwar nicht geschehen, aber es könnte
geschehen, - ehe der Film abgedreht und das Buch die Buchbinderei verlassen
hat.
Der Abstand zwischen Phantasie und Wirklichkeit
ist knapp geworden. Was die Grausamkeit menschlicher Handlungen anbelangt,
so hat die Wirklichkeit die Phantasie längst überrollt. Nichts
von dem, was ich mir auszudenken vermag, kann mit dem, was Menschen Menschen
antun, Schritt halten.
Das Erfinden und Schreiben von Geschichten kommt
einem Schöpfungsakt gleich, hat mit Phantasie zu tun, mit Vorstellungskraft
- und nur wenig mit dem handwerklichen Geschick, das überall und
immer wieder gepriesen wird. Das Schaffen einer eigens für eine Geschichte
ausgedachten Biosphäre in einer bekannten oder unbekannten Stadt
ist mit einem ungeheuren Gefühl der Freiheit verbunden. Eine Freiheit,
die ich nie mehr missen möchte, eine Freiheit, auf die ich auch beim
Schreiben von andern Texten nicht verzichten will.