Grundlegend ist zu bemerken: Netzliteratur und Literatur im Netz
ist nicht dasselbe und mit einem Buch ist Netzliteratur erst recht
nicht zu vergleichen. Wer sich dem Print verschreibt, geht einem einsamen
Geschäft nach und strebt mit seinen Werken nach Ewigkeit. Wer
Netzliteratur betreibt, ist auf das Bauen von Netzwelten aus und hat
sich der Kommunikation verschrieben.
Für alle, die Literatur im Netz verbreiten, ist das Netz ein
riesiger Marktplatz, auf dem sie ihre Produkte anpreisen und verkaufen
können. http://www.literaturwelt.de/links/index.htm Für
Netzautoren dagegen ist das Netz die Plattform, wenn Sie so wollen:
die Spielwiese für Experimente mit Worten, Bildern, Tönen,
Videosequenzen und Programmierung.
In grauer Vorzeit, als das Benutzen des Internets über Telefonleitungen
noch teuer war, ein Einwählknoten noch weit entfernt und der
deutsche Sprachraum langsam und bedächtig zum Netz-Leben erwachte,
wurde ich Mitglied der Mailingliste "Webkultur". Es entwickelte
sich eine Netzgemeinschaft, die 1996 Diskussion zerbrach gerade als
die Zeitung "Die Zeit" ihren ersten Internet-Literatur-Wettbewerb
namens "Pegasus" ausschrieb. Für den Wettbewerb richtete
"Die Zeit" ein Forum ein und als der Wettbewerb zu Ende,
und das Forum geschlossen war, meinte Sven Stillich, der vom Ausdruck
"Internet-Literatur" so wenig begeistert war wie wir: "...da
aber alles heißen und einen Namen tragen muss, nennen wir ES
Netzliteratur" und gründete die Mailingliste Netzliteratur.
Wieder entstand eine Netzgemeinschaft und der harte Kern aus Webkultur,
der unter anderem auch im Usenet, im Telnet, den MUD's, in "Netlife"
und bei den "net- und i-workern" anzutreffen war und ist,
fand sich dort ein. Bald darauf wurde in der Netzliteratur-Liste um
eine Definition von diesem "ES", das wir Netzliteratur nannten,
gerungen und wir fingen mit dem Erfinden von Geschichten, die sich
um dieses Definierenwollen rankten und damit mit dem Bau unserer ersten
gemeinsamen Netz- oder Wortwelten, an.
"Baal lebt" http://www.litart.ch/baal/ und
"Das Webgespräch" http://home.snafu.de/klinger/webgespraech/
Unser erstes Gemeinschaftsprojekt "Das Webgespräch"
wurde durch einen heftigen Disput in der zum Projekt gehörenden
Mailingliste beendet und "Baal lebt" starb den logischen
Netztod, d.h., der letzte Mitschreiber reichte seinen Text zwar ein
aber nicht weiter. Die beiden toten Netzwelten blieben dem Netz erhalten
und üben bis heute eine schier magische Anziehungskraft auf Netzarchäologen
aus, die Semester- oder Magisterarbeiten, Referate oder Dissertationen
zu verfassen haben.
Die Diskussion um "Was ist Netzliteratur" ist logischerweise
bis heute nicht beendet; alle Jahre wieder wird die Frage erneut aufgeworfen;
alle Jahre wieder kommen dabei Behauptungen heraus wie: "Netzliteratur
ist alles, was man nicht ausdrucken kann". Nun ja, das mag ja
einmal so gewesen sein, heute ist ALLES druckbar
So sieht eine meiner Seiten, die es auf wundersame Weise ins Netzfernsehen
gebracht hat, aus http://www.litart.ch/kunstform.htm [Im Text geht
es um Kommunikation]
und so sähe die Seite aus, wenn man sie komplett ausdrucken wollte:
der Code wurde geschreddert und ist jetzt druckbar: http://www.potatoland.org/cgi-bin/shred.pl?http://www.litart.ch/kunstform.htm
- Das beweist, dass man alles ausdrucken und zwischen zwei Buchdeckel
klemmen kann - auch Netzliteratur.
Wir Netzautoren sind Grenzgänger; (mir hanged) wir hangen in
unsere Sprachen getaucht über dem Weltgrat, der das Reale vom
Virtuellen, das rein Informative vom Lebendigen, das Funktionelle
vom Ästhetischen trennt. Wir schließen uns kurz mit dem
Netz, im Wissen, dass da lebendige Menschen an ihren Maschinen sind.
Menschen, denen es ungeheuren Spaß macht, neue surreale Netzwelten
zu schaffen. Kosten- Nutzenanalysen haben keine Bedeutung; der Gegenstand,
der zu gestalten ist, steht im Mittelpunkt des Denkens, des Handelns;
jeder gibt, was er zu geben imstande ist, jeder trägt bei, keiner
verweigert sich oder seine Leistung.
http://dhtmlnirvana.com/landoftrees/
Wir gehen durch Wörter hindurch - nicht darüber hinweg,
auch nicht wenn wir nur Bilder verwenden. http://www.litart.ch/playglobal/expo02.htm
oder
http://www.hor.de/lib/monti/cpmon/index.html , wir dehnen die Worte
aus, stampfen sie ein, blasen sie auf oder lassen sie schrumpfen,
wir zerlegen sie und entwerfen sie neu.
Wir erfinden, fotografieren, filmen, scannen, schreiben, schneiden,
programmieren, verfremden, kopieren, fügen ein, zeichnen, malen,
nehmen auf, spielen ab, codieren, faxen, aktivieren und verknüpfen.
"Peel it just peel it" http://www.litart.ch/peel/peel.htm
stellt das Hypertext-Geflecht, das Rauschen, die Interferenz dar,
das Gewirr und das Entwirren, das Abtragen der Schichten, der Überlagerungen...
Dass dieser Beitrag die Anerkennung der Jury gewann, liegt eher nicht
an der Programmierung, sondern am Text.
Egal welche Programme und Codes wir für unsere Netzliteratur-Seiten
verwenden, man kann das alles auch für etwas anderes verwenden,
um Datenbankabfragen zu machen zum Beispiel oder für Shop-Lösungen,
für WebDesign, Gestaltung, Navigation etc.etc.
Netzautoren und ihre Werke können Weltkonzernen http://www.netzwissenschaft.de
ernsthaft zu schaffen machen und Weltbilder über den Haufen werfen,
sich mit den politischen Lügen, die nicht erlaubt sind, weil
sie den eigenen Wählern Sand in die Augen streuen, auseinandersetzen
und diese auffliegen lassen - ohne richtig zu stellen. http://rolux.org/index.php3
Zum Richtigstellen nämlich fehlt uns Netzautoren nicht nur die
Zeit und die Kapazität, sondern auch der Wille; wir sind keine
Weltverbesserer; http://www.litart.ch/swissair.htm wir fangen zu webben
an, erfinden Geschichten und publizieren diese, nicht immer, aber
immer öfter, unter Titel und Name des Originals. Es schadet ganz
gewiss keinem, wenn er feststellt, dass nicht alles, was ist und scheint,
das ist, was es zu sein scheint.
Wer die neusten Nachrichten online verfolgt, wird feststellen müssen,
dass die enorme Steigerung der Geschwindigkeit, mit der Informationen
verbreitet werden, das Fallenlassen jeglicher Nachforschungen mit
sich bringt. "Jetzt publizieren, später dann mal recherchieren"
könnte auch zum Prinzip der Online-Ausgabe von http://www.spiegel.de
gehören. Die Redaktoren von Zyn.de, dem einzigen deutschen Satiremagazin,
hat aus diesem Grund in die Tasten gegriffen und http://www.spiggl.de
ins Netz gestellt.
Fazit: Netzliteratur erzählt Geschichten auf eine Art und Weise,
die als Literatur im Netz oder in einem Buch ihre Bedeutung verlören
oder gar nicht wiedergegeben werden könnten. Für uns Netzautoren
ist Netzliteratur lebendiges Gespräch, Freude am Tausch, am Miteinander,
überbordende Lust mit der Sprache, den Tools, den Programmiersprachen,
den Codes Welten zu schaffen, die so unrealistisch sind, wie der Raum
in dem sie entstehen - oder so real, wie man es ihnen zugesteht.
Damit bin ich am Ende angelangt, hoffe, dass ich Ihnen einen kleinen
Einblick in das Schaffen von Netzautoren vermitteln konnte, danke
Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit - und den beiden Initiantinnen
dieses Abends dafür, dass sie eine Netzautorin haben zu Wort
kommen lassen und nicht, wie üblich, ausschliesslich Experten...
Zofingen, den 13. Februar 2003 / Regula Erni
|