Markus Koch (Hrsg) / Fred Schwed
: "Und wo sind die Jachten der Kunden?"
Markus Koch spielt Messer und Gabel, liebt Sauerbraten, lebt in
Manhattan und Woodstock, ist Wall-Street-Korrespondent, gilt als
anerkannter Finanzexperte, ist Börsenberichterstatter bei n-tv
und hat gerade eben Fred Schweds Buch "Where are the customers'
Yachts" übersetzt, mit bissigen Anmerkungen und ironischen
Kommentaren über das für den Laien befremdende Treiben
der mächtigen Brokerhäuser an der Wall Street ergänzt
und herausgegeben. Fred Schweds berühmtes Buch erschien erstmals
1940.
Das Entsetzen ist gross: Enron ist pleite und worldcom zusammen
mit vielen anderen steht kurz davor. Die seit 2001 sinkenden Börsenkurse
und die über lange Zeit geheim gehaltenen Sünden überbezahlter
Spitzenmanager einiger Megakonzerne sind aufgeflogen. Die Frage:
"Wie konnte das nur passieren?" rauscht durch Blätterwald
und Äther, wird an Stammtischen und Mittagstischen gleichermassen
gestellt. Das vorliegende Buch gibt keine wissenschaftlich exakte
Antwort auf diese Frage; es führt nur vor Augen, warum diese
Frage früher gestellt wurde und auch in Zukunft wieder und
wieder gestellt werden wird. Im Moment bemüht sich die Security
und Echchange Commission (S.E.C.) darum, einen geregelten Ablauf
des Handels an der Wall Street aufrechtzuerhalten. "Geregelte
Verhältnisse", so Markus Koch, "herrschen für
gewöhnlich nur in Phasen, in denen die Börse auf der Stelle
tritt."
Ja, ja, an der Wall Street ist alles anders als im normalen Leben.
Da zahlt sich Integrität nicht aus, Ethik und Moral bleiben
auf der Strecke; man verkauft Vipernknoten unter vielversprechenden
Titeln, verleiht diesen einen besonderen Touch mit manchmal (nicht
immer) erfundenen Firmengeschichten, die saftige Gewinne versprechen.
Je verrückter und verdrehter eine Firmengeschichte ist, desto
eher verkaufen sich die Papiere - und mehr als Papier erhält
einer, der sein Geld an der Wall Street verzocken will, eh nicht.
Das war immer so. Auch vor 1940. Auch 1955 und 1995. Aber und da
lass ich wie der Autor Markus Koch, Abraham Lincoln sprechen: "Nicht
alle Leute lassen sich jederzeit für dumm verkaufen!"
Und gerade jetzt, in dem Augenblick, in dem Sie diese Zeilen lesen,
können Sie life miterleben, was passiert, wenn dieses Stadium
an der Wall Street erreicht ist und auf alle andern Börsen
dieser Welt überschwappt - und anhält.
Wahnsinn und Disziplin sind zwei Eigenschaften über die ein
Broker, der an der Wall Street auf der Erfolgswelle reiten und in
den sich überschlagenden Ereignissen, die Skandale und Pleiten
mit sich bringen, nicht untergehen will, verfügen muss. Unter
den Wall Streetern gibt es genauso viele oder wenige Verbrecher
wie unter Weisswurstverkäufern, aber und auch in diesem Punkt
geb ich dem Autor Recht, an der Wall Street geht es um sehr viel
Zaster und für die Einschaltquoten der "Breaking News"
ist ein Bösewicht allemal ergiebiger als ein Wohltäter.
Was denn nun, werden Sie sich fragen, sind jetzt die Anleger, die
ihr Vermögen verloren haben, betrogen und hereingelegt worden
oder haben sie aus lauter Gier ihr ganzes Geld verzockt? - Antworten
auf diese und andere Fragen finden Sie bestimmt in diesem Buch.
Vielleicht nicht exakt die, die Sie erwarten, aber...
Es wäre gar nicht schlecht, wenn dieses Buch zur Pflichtlektüre
in den höheren Schulklassen würde. Noch besser allerdings
wäre es, wenn Marcel Reich-Ranicki es in seinen Literaturkanon
aufnähme. Vielleicht, aber auch nur vielleicht, würden
sich dann die Shareholder bewusst, womit sie spielen, wenn sie ihr
Geld für Geld arbeiten lassen...
FAZIT: Tagtäglich erscheinen neue Bücher. Bücher,
die es wert sind, gelesen zu werden. Gewiss.
So gewiss, wie Markus Kochs Buch das beste Medikament gegen Winterdepressionen
ist, über Frühjahrsmüdigkeit hinweg hilft und einen
sowohl die Hitze des Sommers als auch tagelange Regengüsse
ignorieren lässt.
Zofingen, den 23. Februar 2003 Regula
Erni
Markus Koch: "Und wo sind die Yachten der Kunden?", FinanzBuch
Verlag, München, ISBN 3-89879-018-5
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