Essay

Magistraten aus aller Welt haben sich erhoben und den unvorstellbar grausigen Terroranschlag vom 11. September 2001 auf die offene Gesellschaft der zivilisierten Welt verurteilt. Aber mit dem Verurteilen war es nicht getan; man hat den Amerikanern gleich Reaktionsrezepte vorgelegt, Gründe für das Warum mitgeliefert und sie daran erinnert, dass sie, wenn sie - auch im Interesse der Europäer - als Weltpolizisten in Nahost aufgetreten sind, sich mit ihrem Verhalten viele Feindschaften zugezogen hätten. Von überallher schallt es: "Liebe, liebe Amerikaner, es tut uns ja so leid, aber denkt jetzt bloss nicht an Rache, reagiert besonnen." Eigentlich müsste man da noch hinzufügen "im Interesse Europas" (die Schweiz gehört geographisch gesehen zu Europa) ...
Auch unser Bundespräsident Moritz Leuenberger hat dazu aufgerufen, "besonnen zu handeln", "besonnen zu reagieren" und den Bankiers der freien Welt und uns allen vieles erzählt über die armen Völker der Erde und den Ausgleich, der erfolgen müsse zwischen den armen Ländern und den reichen. Nein, er hat nicht gesagt, die Amerikaner müssten den Terroranschlag jetzt einfach hinnehmen und so schnell wie möglich Gras darüber wachsen lassen.
Er hat nur "besonnenes Handeln" gefordert, die Umverteilung des Vermögens empfohlen, ein "Ausgleichen" und schliesslich noch ein "Gleichmachen". Moritz Leuenberger hat es gut gemeint mit den armen Ländern; er möchte den Terrorismus mit Geld und Entwicklungshilfe bekämpfen. Darüber hinaus möchte er alle "gleich machen".

Ob er daran gedacht hat, dass es dort, wo die Terroristen herkommen, an allem möglichen mangelt - nur nicht an Geld? Ob er daran gedacht hat, dass es sich bei den Terroristen nicht um "arme", "ungebildete" und "irregeleitete" Menschen gehandelt hat? - Ich weiss es nicht. Ich weiss auch nicht, ob er sich bewusst ist, dass das "Gleichmachen" eine sozialistische Redeweise ist und auf den berühmten Ideologien des Marxismus, Leninismus und Maoismus beruht.

Ehe unser gutmeinender Bundespräsident Leuenberger dem Parlament den Vorschlag, den Terrorismus mit dem ganzen oder halben Inhalt des geplanten Solidaritätsfonds zu bekämpfen, unterbreitet, ist es geradezu Pflicht, darauf hinzuweisen, dass die Terroristen das Land, dessen Gastfreundschaft sie Monate lang genossen mit ihren Terrorattacken heimgesucht und weil sie zuvor in so vielen westlichen Ländern Gastfreundschaft erfahren haben, gleich das World Trade Center und damit das Symbol des freien Handels, der freien Welt in die Luft gejagt haben.

Vermutlich wird unsere Regierung zusammen mit Gleichgesinnten anderer Länder die Amerikaner weiterhin zu "besonnenem Handeln" auffordern - schliesslich will man es sich mit den Terroristen nicht verderben...

18. September 2001

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