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Der Nobelpreis für Literatur geht an Imre Kertész

 

"Wenn es ein Schicksal gibt, dann ist Freiheit nicht möglich. Wenn es aber die Freiheit gibt, dann gibt es kein Schicksal. Das heißt also, wir selbst sind das Schicksal." Aus Imre Kertész: "Roman eines Schicksallosen".

Spiegel-Online dazu: «Mit großer Freude nahm Imre Kertész die Nachricht über die Auszeichnung mit dem Literaturnobelpreis entgegen.
"Das ist eine große Anerkennung für mich und bedeutet vielleicht auch, dass ich jetzt ein etwas ruhigeres Leben führen kann, jedenfalls finanziell, ich bin jetzt in Sicherheit, jedenfalls in dieser Hinsicht", sagte Kertész in einer ersten Stellungnahme.
"Mein ganzes Werk ist durch die deutsche Sprache verbreitet, meine Muttersprache ist eine kleine Inselsprache, aber der Nobelpreis ist auch eine Auszeichnung für die ungarische Literatur". Es gebe noch keinen ungarischen Literatur-Nobelpreisträger. "Es ist für mich sehr interessant, dass ich diesen Preis mit meiner Holocaust- und Anti-Diktatur-Literatur bekommen habe", meinte Kertész. "Das bedeutet vielleicht auch etwas Erzieherisches für die osteuropäischen Staaten überhaupt."

Die Schwedische Akademie der Wissenschaften in Stockholm begründete ihre Entscheidung am Donnerstag damit, dass der Autor in seinem Werk die "Zerbrechlichkeit des Einzelnen in einem barbarischen Geschichtsverlauf" zeige. Der Leser werde von Kertész nicht nur mit der Grausamkeit von Willkürakten konfrontiert, sondern ebenso sehr mit dem Ausmaß an Gedankenlosigkeit, die ihre Durchführung kennzeichnete.

Kertész wurde am 9. November 1929 in Budapest geboren. Er ist jüdischer Herkunft. 1944 wurde er nach Auschwitz deportiert und 1945 in Buchenwald befreit. Sein Werk kehre unablässig zu dem entscheidenden Ereignis in seinem Leben zurück, dem Aufenthalt in Auschwitz, schrieb die Schwedische Akademie. Auschwitz sei für den Autoren gleich bedeutend mit der "letzten Wahrheit über die Degradierung des Menschen im modernen Dasein".

Sein 1975 veröffentlichter erster Roman "Sorstalansag" - 1990 in Deutschland unter dem Titel `Mensch ohne Schicksal" und 1996 in neuer Übersetzung als "Roman eines Schicksallosen" erschienen - handelt von dem jungen Köves, der festgenommen und in ein Konzentrationslager verschleppt wird, sich aber anpasst und überlebt. Dabei beschreibt Köves die Ereignisse wie ein Kind, das die Lagerwirklichkeit als selbstverständlich akzeptiert.

"Vielleicht erhält die Schilderung ihre schockartige Glaubwürdigkeit gerade dadurch, dass ihr der Zug moralischer Entrüstung oder metaphysischen Protests mangelt, nach dem das Thema ruft", schreibt die Schwedische Akademie in ihrer Würdigung. Die Unerbittlichkeit der Haltung Kertész' zeige sich in seinem Stil, "der an eine gut gewachsene Hagedornhecke erinnert, dicht und dornig gegenüber ahnungslosen Besuchern".

Der Sekretär der Schwedischen Akademie, Horace Engdahl, sagte außerdem, Kertész habe die Auszeichnung bekommen, weil er "in den Mittelpunkt seiner schriftstellerischen Arbeit das Ziel stellte, Zeugnis abzulegen".

Kertész hält sich zur Zeit in Berlin auf, wo er am Mittwochabend bereits mit dem Hans-Sahl-Preis ausgezeichnet worden ist. In seinen Dankworten sagte der Autor als einer der Überlebenden von Auschwitz: "Wir sind die letzten. Fragt uns aus." 1995 wurde Kertész mit dem Brandenburger Literaturpreis ausgezeichnet. 1997 erhielt er den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung. Kertész galt als einer der Favoriten für den diesjährigen Nobelpreis.

An der Fertigstellung seines neuen Romans mit dem Arbeitstitel "Liquidation" arbeitet Kertész derzeit am Berliner Wissenschaftskolleg. Dazu notierte er in den jüngsten "Nachrichten" des Kollegs: "Die Handlung des Romans spielt in der Zeit der Wende, in der verstörenden, plötzlichen Freiheit, in der die Vergangenheit liquidiert, die Biografien geändert werden. Nichts ist mehr gültig, es gibt keine erzählbare Geschichte mehr."

Weiter notiert Kertész zu seinem Projekt: "Von diesem Bruch, den man im ehemaligen Ostblock als tiefes Trauma erlebt, wird erzählt, und wie man sich mit der eigenen Vergangenheit, nolens volens, auseinander setzen muss. Gleichzeitig plane ich, durch diesen Roman einen letzten Blick auf den Holocaust zu werfen, nicht mehr auf die Überlebenden, sondern auf die zweite Generation, auf die Nachgeborenen, die ratlos mit dem schweren Erbe ringen, dem Prozess der Verarbeitung entfliehen oder ihn auf sich nehmen." Das Buch soll im nächsten Jahr im Suhrkamp Verlag erscheinen.»

Imre Kertész Biographischer Überblick:


1929 in Budapest geboren
1944 nach Auschwitz deportiert
1945 in Buchenwald befreit
seit 1953 als freier Schriftsteller und Übersetzter (u.a. Nietzsche, Freud, Hofmannsthal) in Budapest tätig, schreibt Musicals und Unterhaltungsstücke, Theaterstücke, Romane, Erzählungen
Seine bekanntesten Werke:
"Roman eines Schicksallosen"
"Kaddisch für ein nicht geborenes Kind"
"Fiasko"
Preise:
Brandenburgischer Literaturpreis (1995)
Leipziger Buchpreis zur europäischen Verständigung Jeanette-Schocken-Preis, Bremerhaven (1997)

"Roman eines Schicksallosen"
"Ja, davon, vom Glück der Konzentrationslager müsste ich ihnen erzählen, das nächste Mal, wenn sie fragen!"

Wie kann jemand dass von Glück in einem Konzentrationslager reden? Ist das überhaupt möglich?
Konzentrationslager, Orte des Hungers, der Zwangsarbeit, der Qualen. Orte, an denen Millionen von Menschen ihr Leben lassen mussten. Ist all dies nicht der größte Gegensatz zu unserem Glückempfinden?
Der ungarische Autor Imre Kertész versucht in seinem wohl bekanntesten Werk "Roman eines Schicksallosen" genau diese Problematik anzusprechen:" Die Entmystifizierung von Auschwitz!"

Es ist 1944, ein Jahr vor Kriegsende. Ungarn, welches an Deutschlands Seite im 2. Weltkrieg kämpft, wird 1944 dennoch vorsichtshalber von deutschen Truppen besetzt. Damit war das Schicksal Tausender jüdischer Menschen besiegelt.
So auch das des fünfzehnjährigen György, der in Budapest bei seinem Vater und seiner Stiefmutter behütet aufwächst. Mit dem Tag der Einberufung des Vaters zum Arbeitsdienst, ändert sich das Leben Györgys schlagartig. Er muss die Schule verlassen und von nun an arbeiten. Doch dies ist nur von kurzer Dauer, denn schon einige Monate später wird er gemeinsam mit sämtlichen anderen Juden aus einem Bus geholt und in eine Ziegelei am anderen Ende der Stadt gebracht. In der Überzeugung wichtige Arbeit zu leisten, schreibt er sich für den Arbeitsdienst in Deutschland ein und findet sich kurze Zeit später mit zahlreichen anderen Freiwilligen im Zug wieder. Sie machen eine Reise. Es ist eine Reise, die nach Auschwitz führt, für viele dort endet und für György nach Buchenwald führt.
In den Lagern angekommen, beschreibt er in ausführlicher Weise seine Eindrücke und versucht plausible Erklärungen für das Geschehene zu finden. Im Mittelpunkt stehen aber nicht wie zu erwarten die Qualen der Insassen, das Grauen, das die Vernichtungsmaschinerie hervorruft, sondern sein, György's, Erleben Schritt für Schritt. Da ist ein Tag nach dem andern zu bewältigen, und das Ziel, wieder nach Hause zurückzukehren nie aus den Augen zu verlieren. Im April 1945, mit der Befreiung von Buchenwald durch die Alliierten, ist dieses Ziel erreicht. György kehrt mit gemischten Gefühlen nach Budapest zurück. Er findet weder Vater noch Stiefmutter. Von den ehemaligen Nachbarn erfährt er, wie sich das Leben verändert hat und wie sie den Krieg erlebt haben. Alles, was er in Erfahrung bringen kann, wird ihm so geschildert, als wäre niemand an diesem Krieg wirklich beteiligt gewesen, als sei das alles mit allen einfach passiert - als wäre dieser Krieg Schicksal gewesen.


Der "Roman eines Schicksallosen" handelt vom Holocaust, aber es schockiert nicht offensichtlich, sondern auf eine sehr subtile Art. Es verzichtet auf eine detaillierte Beschreibung der Grausamkeiten in den Konzentrationslagern; es führt den Leser langsam und vorsichtig mitten in das Unfassbare. Der Autor spricht eine Sprache, die vieles verschweigt und trotzdem alles alles sagt. Imre Kertész Buch "Roman eines Schicksallosen" ist wahrhaftig ein Meisterwerk.

Regula Erni

 

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